Borderline-Journalismus, Tom Kummer & ich

Mit Bestimmtheit kann ich gar nicht sagen, ob ich jemals einen Artikel des Skandal-Reporters Tom Kummer gelesen habe. Ich würde eher sagen Nein; und wenn überhaupt, dann nicht bewusst. Es liegt wohl daran, dass ich Zeitungs-Interviews mit Hollywood-Stars generell kaum beachte. Weil ich weiß, dass diese – durch  Bildagentur-Fotos zu Doppelseiten aufgeblasenen – Interviews zumeist innerhalb von zehn Minuten in Hotelzimmern entstanden sind. Die Stars geben Journalisten, die in Gruppen durchgeschleust werden, die immer gleichen Antworten, fast ausschließlich auf Fragen zu dem Produkt, das gerade verkauft werden soll (neuer Film, neues Buch, neue CD etc).

Ich habe in diesem PR-Betrieb selbst schon verschiedene Rollen gespielt. Die Presseagentin, die ab der neunten Minute anfängt, mit dem Zeigefinger auf die Uhr zu tippen; ebenso wie die Fragestellerin, die beispielsweise mit Patrick Stewart und Brent Spiner (alias „Captain Jean-Luc Picard“ und „Data“), sowie neun Journalisten-Kollegen am Tisch eines Konferenzraum in einem Nobelhotel sitzt und Antworten auf Fragen notiert, die andere stellen, neben der EINEN Antwort auf die EINE Frage, die man selbst stellen darf.

Doch zurück zu Tom Kummer, dem Schweizer(!) Erfinder des so genannten „Borderline Journalismus“. Auf seinen Namen aufmerksam wurde ich erstmals im Mai 2000, nachdem aufgeflogen war, dass er Interviews u.a. mit Sharon Stone, Brad Pitt und Bruce Willis, in denen die Stars unerhört persönliche Dinge von sich preis gaben, allesamt selbst erfunden hatte. Sechzig insgesamt verkaufte er an zeitgeistige Blätter wie Tempo oder das SZ-Magazin. Die Enthüllung der Fälschungen war ein Riesen-Skandal. Die Medienwelt zeigte sich erschüttert und empört. Ich dachte damals nur: Recht hat er, der Tom Kummer, wo ohnehin nichts ‚Echtes‘ geboten wird, ist Fantasie die perfekte Ergänzung.

Nun, ein Jahrzehnt später, bin ich erneut auf seinen Namen gestoßen. Zunächst im Blog der geschätzten Katja Kullmann. Sie berichtet im Eintrag „Reality Check: Tom Kummer schreibt (wieder einmal) über Facebook“ über den aktuellsten Coup, eine im facebook-Kosmos angesiedelte Enthüllungstory, übergriffig, aber nicht wirklich skandalös, die in die Schweizer Zeitschrift „Du“ veröffentlicht wurde. Am Ende des Textes wird die filmische Doku „Bad Boy Kummer“ erwähnt, die derzeit in ausgewählten deutschen Kinos läuft. Der Züricher Miklós Gimes, früherer Vizechef beim Schweizer „Tages-Anzeiger“ und von den Fälschungen seines Landsmannes selbst betroffen, geht darin der Frage nach: „Warum hat Kummer das gemacht?“

Begonnen haben soll die Fälscherkarriere nach einem Interview mit Pamela Anderson. Einer der üblichen Sammeltermine – siehe oben – mit dem Ergebnis, dass im Anschluss langweilige Phrasen auf dem Zettel standen. Weil Kummer trotzdem eine gute Story liefern wollte, reimte er sich selbst Spannendes zusammen. Zur Begeisterung seiner Auftraggeber. Wen interessiert schon der Wahrheitsgehalt, wenn der Artikel eine hohe Auflage verspricht?! Dass die damals verantwortlichen Redakteure sich bis heute als „Opfer“ darstellen, die angeblich nichts wussten, ist mehr als unglaubwürdig.

Der „Fall Kummer“ und seine filmische Aufarbeitung zehn Jahre danach ist vor allem für Medienschaffende von Interesse. Außerdem für in den Sechzigern und Siebzigern geborenen Popjournalismus-Sympathisanten. Selbst gehöre ich beiden Zielgruppen an. Und die Frage, die mich heute besonders bewegt: Warum bin ich nach dem unsäglichen Fließband-Interview mit den Enterprise-Ikonen Mitte der Neunziger nicht selbst auf die Idee gekommen, eine Karriere als „Boderline-Journalistin“ zu starten!? Den Film werde ich mir auf jeden Fall ansehen, wenn nicht im Kino, dann später im Fernsehen. Und mit Tom Kummer bin ich jetzt auf facebook befreundet.

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Erinnerung, Freiberufsleben, Helden, pop/kultur

7 Antworten zu “Borderline-Journalismus, Tom Kummer & ich

  1. Mit den Jahren kann es unerträglich werden; so dicht dran und doch nie wirklich nah. Man ist mit Menschen in einem Raum, sieht viel, spürt noch mehr und am Ende bleibt ein leeres Nichts. Journalisten werden oft zu einer solchen Oberflächlichkeit verdammt und gleichzeitig als Personen unsagbar beliebig gehandelt, kein gesundes Hirn hält das auf die Dauer aus. Und dann kommt es vor, man schreibt Dinge die man „weiß“ und, die Bedeutung haben könnten.

  2. Ganz interessant finde ich in diesem Zusammenhang das okaye neue Buch von Neil Strauss „Everyone Loves You When You’re Dead“ (http://www.neilstrauss.com/elywyd), eine lange Collage aus Promi-Interview-Fragmenten aus, ich glaube, 20 Jahren, in denen Strauss bisweilen die Interview-Scoops landet, die sich Tom Kummer ausdenken musste (zumindest, bis Strauss als amerikanisches Kummer-Pendant entlarvt wird). Die Gesprächssituationen die dem zu Grunde liegen und der Zugriff, der ihm ermöglicht wird, haben dann aber auch eine surreale bis utopische Anmutung: keine Zehn-Minütige-Hotelzimmersitzungen, dafür Pampers-Einkaufen-Fahren mit Snoop Dogg und wiederholtes Backstage-Rumhängen mit Lady Gaga. Hm.

  3. @Annton: Ja!

    @Oskar: Neil Strauss, da tickerte leise etwas, aber erst nach Google-Befragung fiel der Groschen: „Die perfekte Masche“, Ullstein. Ohne das Buch zu kennen, denke ich, dass darin bestimmt jede Menge „fiction“ verarbeitet wurde. Es heißt wohl gespannt zu sein, ob der VÖ seines Interview-Buchs ein (Kummer-like) Skandal folgen wird. Backstage-Rumhängen mit Lady Gaga jedenfall kann in einem Journalistenhirn wahrscheinlich allerhand Fantasie freisetzen.

  4. Seltsam, am Wochenende hab ich mich darüber unterhalten. Aber wir wussten nicht den Namen des Journalisten. Aber die Story war gut.
    Und letztendlich finde ich die Empörung darüber unverständlich. Ein Glückskäse, der seinen Weg gefunden hat, sich selbst mit Hilfe von Semi-Prominenten darzustellen.
    Und zu schreiben.
    Dürfen Journalisten nicht auch mal der Phantasie die Zügel schießen lassen? Kluger und interessanter Mensch.

  5. dieReginaKa

    So, kann auch mal mitreden, da Doku gesehen und anlässlich dessen mich auch an die Interviews und Tempo erinnert. Hatte ich total vergessen.

    Wenn man dann weiß, dass das alles erfunden wurde, finde ich die Texte nachträglich noch besser. Was für eine Fantasie der Kummer hat. Ich sage nur Charles Bronson, der in seinem Garten über Orchideen referiert. Wie kommt man denn da drauf? Und alles passte so gut zu dem Image, das man sich von den Promis gemacht hatte.

    Ich find’s gut, dass du das auch locker siehst. Schließlich ist es Boulevard und nicht die Tagesschau.

  6. Wie er darauf kommt? Irgendwo habe ich gelesen, dass er aus anderen Zeitschriften relativ willkürlich die Themen „gesampelt“ hat, beispielsweise eine zufällige Seite in einer Psychologie-Zeitschrift aufgeschlagen und im Text verarbeitet, was da gerade stand.

    Viel unglaubwürdiger als Tom Kummers Verhalten, der den Betrug als er aufflog, gar nicht abgestritten hat, sind die Redakteure, die so taten, als merkten sie nichts; ihn erst zum „Star-Reporter“ hochgejubelt haben und hinterher mit dem Finger auf ihn zeigten: Der Kummer war’s! Und mein Name ist Hase. Interessant ist unter diesem Gesichtspunkt dieser Artikel: http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,760522,00.html

  7. Tom Kummer

    Klingt gut!… TK

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