Erziehungsamt niedergelegt

Irgendwann ist es genug. Dann ist einfach der Moment gekommen.
„Ich möchte etwas bekannt geben“, erklärte ich nach dem Abendessen, bemüht um einen seriösen Tonfall. Zuvor hatte sich das täglich wiederkehrende Gequengel und Geschrei um die Notwendigkeit des Händewaschens vor der Einnahme einer Mahlzeit ereignet. Während des Essens musste Neun (wie üblich) wiederholt darauf aufmerksam gemacht werden, die Gabel zu benutzen und die Hände nicht am T-Shirt, sondern an der Serviette abzuwischen. Und Sieben hatte für eine unschöne Diskussion gesorgt, indem er mitteilte, dass er die Hausaufgaben nicht wie versprochen nach dem Abendbrot, sondern gar nicht erledigen würde.

Die Augen waren auf mich gerichtet. Meine Ansage „Ich möchte etwas bekannt geben“, hatte Eindruck gemacht. Ungewohnte Stille am Tisch als ich sagte: „Ab sofort werde ich euch nicht mehr erziehen! Und zwar so lange bis ich wieder die Kraft habe, diese Tätigkeit auszuüben.“  Die Jungs sahen mich irritiert an. Also fuhr ich fort. „Ich werde euch Essen machen, euch saubere Kleidung rauslegen und die Hausaufgaben kontrollieren. So etwas ja. Aber ich werde mir nicht mehr die Nerven ruinieren, damit ihr euer Zimmer aufräumt, euch die Zähne putzt, mit dem Trödeln aufhört, um pünktlich in die Schule zu kommen, oder ein Taschentuch benutzt, wenn die Nase läuft.“

Sieben und Neun hätten nun eigentlich in Jubel ausbrechen müssen, dachte ich, doch sahen sie mich nur erstaunt an. Hinter der Stirn rumorte es sichtbar. Neun stellte fest, ich hätte gerade wie ein Politiker geredet. Ich nickte und sagte: „Das Ganze gilt mit soforter Wirkung“. Für den Moment fühlte ich mich ziemlich erleichtert. Als Erziehende a.D. muss ich jedoch zugeben, dass das Ignorieren der vielen kleinen Unarten und Ungehorsamkeiten (mit denen Kinder tagtäglich auf Konfrontation aus sind), nicht ganz leicht ist. Wahrscheinlich ist mein Verhalten auch jenseits sämtlicher Erziehungsratgeber. Aber ich werde das jetzt mal versuchen. Und wer weiß, vielleicht komme ich dadurch ja bald wieder zu Kräften.

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17 Kommentare

Eingeordnet unter Familie, Gesellschaft, Widrigkeiten des Lebens

17 Antworten zu “Erziehungsamt niedergelegt

  1. The Beeee

    O Captain, my Captain – einfach mal auf’s Sonnendeck gelegt und die Augen geschlossen? Recht so. Bin gespannt, wann auf der Bounty die Meuterei ausbricht und wieder nach straffen Segeln und dem täglichen Einsatz des Sextanten gerufen wird.

  2. Liebe Anke,

    mein Mitgefühl hast Du. Jungs sind echt heftig. Vor allem, was da noch auf Dich zukommt …

    Hilfe, mein Kind macht Abi

    Andererseits – sei froh, dass Du zwei Jungs hast, so bleiben Dir wenigstens die mädchenspezifischen Sachen erspart, wie hier z.B. das richtige Abiballkleid zu finden.

    In diesem Sinne, Augen zu und durch.

    LG,
    Renate

  3. @Britta: Angeblich brauchen Kinder ja Grenzen, die sie durch das Gerangel immer wieder ausloten. Nur ich, ich brauche meine Ruhe. Irgendwie geht das nicht zusammen. Kapitän (m/w) bzw. Steuermann (m/w) auf einem Familiendampfer ist ein Scheißjob.

    @Renate: Danke. Den Artikel werde ich allerdings erst in zehn Jahren lesen. Man muss sich ja nicht unnötig belasten.

  4. Ich habe keine Kinder, aber ich weiß, wie es ist, Kind gewesen zu sein.
    Ich habe das auch alles gemacht. Einfach aus Widerborstigkeit. Weil ich es nicht verstanden habe.
    Keime, Bakterien? Wahasss? Unsinn. Man sieht nichts. Dreckige Fingernägel? Egal. Und bei mir war es die Küchenbank, an der ich meine fettigen Hände abgeschmiert habe. Ich habe es einfach nicht verstanden. Bis meine Mutter dann auch „aufgab“ und ich irgendwann so wütend auch mich selber war, weil ich ein Legoteil in meinem Gerümpel fand, dass dann auch aufräumte.
    Allerdings weiß ich, dass es gut war, dass meine Mama mich immer zu den Hausaufgaben gezwungen hat. Egal, wie lange sie gearbeitet hatte, wie stressig der Tag war, sie saß da und guckte nach, ob ich alles hatte. Wenn nicht, dann blieb sie so lange neben mir auf der Küchenbank sitzen, bis ich heulend, maulend, schreiend fertig war.

    Aussagegehalt: Eltern kennen ihre Kinder eigentlich ganz gut und können sie dementsprechend einsetzen. Und: Eltern sollten nicht Sklaven ihrer Kinder sein. Sondern die auch einfach mal machen lassen. Und wenn nicht, dann einfach mal einen Abstrich von den Kinderhänden nehmen und ne Kultur anlegen. Vielleicht erkennen die Kleinen ja dann, dass es doch manchmal besser ist, sich die Hände zu waschen.

  5. Claudia lost in France

    Liebe Anke,
    wenn du dein Amt (vorläufig)niederlegst,was ich voll und ganz nachvollziehen kann, sollte momentan halt dein Stellvertreter einspringen …Ich denke, er hatte genug Zeit sich einzuarbeiten.Und im Grunde gilt doch eigentlich:geteilte (Erziehungs-)Arbeit..halbes Leid und somit letztendlich doppelte Freude für alle..oder so :).

    Viele Grüsse
    Claudia (43 Jahre,2 fache Mutter einer mittlerweile 12 jährigen Tochter und eines 16 jährigens Sohnes)

  6. andrea

    ..ich bin gespannt ob es heute einen bericht gibt, wie der tag bis jetzt weiter verlaufen ist… und ja, manchmal tut ein bisschen loslassen, bzw mehr gelassenheit schon gut.. und manchmal.. aber auch nur manchmal… regeln sich gewisse dinge dann ganz von selbst…:-)

  7. Ich erkläre das Vorhaben offiziell als gescheitert!!
    Und möchte an dieser Stelle dich zitieren, liebe ‚andrea‘:

    „so in der art erlebe ich es häufig, wenn nicht gar täglich und so in der art versuche ich auch einen ausweg zu schaffen, für meine nerven, meine seele, meine würde… :-) allerdings: ich schaffe es nicht! so sehr ich auch versuche all diese dinge zu ignorieren, es gelingt mir meist nur kurz, abgelenkt durch.. zb. kartoffel schälen, verfalle ich immer wieder in den selben trott. es ist wie automatismus.

    Genau dies kann ich bestätigen. LEIDER! Zum Erziehen verdammt – das ist man wohl… Auch ohne offizielles Amt fühlt man sich in der Verantwortung – „ehrenamtlich“ könnte man sagen. Denn es ist auch eine Frage der Ehre. Wenn der mit Sauce verschmierte Mund am Pulli abgewischt wird, dreckige Schuhe mitten im Flur stehen gelassen werden oder nach der Benutzung der Toilette nicht gespült wird – was dann? Diese Dinge zu ignorieren, überschreitet die eigene Schmerzgrenze. Und den Kindern ihren Kram stillschweigend hinterher zu räumen, um die eigenen Nerven zu schonen, ist nicht weniger deprimierend als die endlose Wiederholung von Ermahnungen. Es ist ein Dilemma. Mehr oder minder ausweglos.

  8. Hm…ein paar unorthodoxe Vorschläge:
    1. da es warm draußen ist, gibts keine Pullover mehr an.
    2. wenn nicht gespült wird, dürfen sie nie wieder aufs Klo.
    3. Schuhe werden, wenn nicht weggeräumt, in den Garten geworfen.

    Ich weiß es nicht, wie man das lösen kann. Kinder sind so? Tyrannen? Kleine Monster, die in ihrer ganzen Egozentriertheit nicht wahrnehmen, dass sie ihre Erzeuger an den Rande des Nervenzusammenbruchs bringen?

    Wie warst Du als Kind? Weißt Du das noch? Wie haben Deine Eltern reagiert? Oder Eltern Deiner Freunde?

  9. andrea

    .. hui… na es gibt auch eine gute nachricht zu diesem thema..! die kinder lernen dazu. sicher, es ist unendlich mühselig, aber es geht auch irgendwann stück für stück aufwärts. es kommt neues dazu, aber so einige dinge, über die man sich die haare gerauft hat und den mund fusselig geredet hat, klappen auch irgendwann ohne selbiges. die kontinuität trägt irgendwann früchte, irgendwann gehen solche sachen wie tisch mit abräumen in fleisch und blut über.. nur ist irgendwann eine unbestimmt lange zeit und es ist die kunst, diese zeit weitgehend unbeschadet zu überstehen. auszeiten helfen da immer ganz gut, auch wenn sie noch so kurz sind.
    zu mieze s vorschlägen: 1. wunderbar. mach ich so, bzw machen die kinder von selbst. 2. lustige idee, aber nicht realisierbar.. ;-) 3. ganz schlecht, denn dies nehmen die kinder unter umständen zum anlass, es nachzumachen, gern auch mit anderen dingen dann, die im wege stehen oder liegen…

    eine gute, wenn auch mühsame methode ist es, kindern eine art belohnung in form von zb. mehr rechten oder freiheiten zu gewähren.. “ du möchtest deinem alter angemessen behandelt werden?? okay, verhalte dich angemessen, räum deinen kram selbstständig weg, ohne zigtausend ermahnungen, dann darfst du zb. dich mit deinen freunden alleine zum eis in der stadt treffen.. ( mir ist kein gescheites beispiel gerade eingefallen, aber ich hoffe, es ist verständlich was ich damit sagen will. ) kinder möchten gerne selbstbestimmt handeln, und das sollen sie ja auch, ab einem gewissen alter kann man aber verlangen, das sie auch beweisen, das sie in der lage dazu sind, zum beispiel in dem sie mitdenken, am leben der familie auch insofern aktiv teilnehmen, als das sie auch einiges selbst erledigen. damit fahre ich jedenfalls momentan ganz gut.

  10. @Mieze: Ich schließe mich, die drei Vorschläge betreffend, andreas Antworten an. Was mich als Kind betrifft. Ich war natürlich frech und aufmüpfig. Manchmal denke ich, dass Kinder zu haben eine Art ausgleichende Gerchtigkeit ist, seinen Eltern gegenüber: Man „büst“ dann für all das, was man ihnen als Kind angetan hat. :-)

  11. Salü,
    sicherlich waren die Antworten auch nicht ganz ernst gemeint.
    Und dennoch: Meine Mama hat mal aus dem Fenster geworfen, weil ich nicht aufräumte.
    Daraufhin schmiss ich auch Sachen von ihr aus dem selbigen.
    Die Frage, ob ihre Sache denn unordentlich auf dem Fußboden herumgelegen habe, musste ich verneinen, daher durfte ich dann auch kleinlaut ihre Sachen wieder reinholen. Damals war ich mit Antworten noch nicht so fix.
    Ich hab keine Ahnung wie man Kinder erzieht, von daher halte ich mal lieber meinen Mund.
    Ob Du nun büßt und Dich dann freust, wenn Deine Kinder in Deiner Rolle stecken, sei mal dahingestellt :)

  12. andrea

    ..liebe mieze.. ich finde nicht das du deinen mund halten solltest.. ich jedenfalls lese gerne deine kommentare und es ist ja nicht gesagt das jemand, nur weil er keine eigenen kinder hat, keine guten tips abgeben kann. meine mama hat immer allles auf mein bett geschmissen und wenn ich dann abends müde reinschlüpfen wollte war erstmal aufräumen angesagt. ich habs dennoch erst hingekriegt ordentlich zu werden, als ich das erste mal mit einem mann zusammengezogen bin.
    zu anke: vor ungefähr 2,5 jahren hat meine damalige nachbarin, die mich seit dem 8.lebensjahr erleben durfte, zu mir gesagt: siehst du? das hast du auch nicht anders verdient!!!! das war als ich mit meinen kindern schimpfte, weil sie wieder irgendetwas angestellt hatten. zuerst musste ich lachen, aber dann fand ich das gar nicht mehr so lustig, denn ich glaube nicht, das man sich rebellierende, renitente kinder verdienen kann, weil man selbst als kind so war. ich denke, das was wir erleben mit unseren kindern ( ich kann da ja nur mutmassen weil ich deine nicht kenne ) ist alles noch im rahmen der normalität. ich begaupte, das jede mutter, die sagt, sie würde sich nicht überfordert fühlen von zeit zu zeit, schlichtweg lügt!

  13. @Mieze: Ich gehöre auch nicht zu denjenigen, die sagen, dass Kinderlose, wenn es um Erziehung geht, den Mund halten sollen, weil sie „keine Ahnung“ haben. Wenngleich sie die Situation in manchen Fällen tatsächlich nicht konkret einschätzen können. Auf jeden Fall sollte man im Dialog sein. Diese Trennung zwischen Familien und Kinderlosen ist beinahe schon gesellschaftsgefährdend.

    @Andrea: Ja, es bewegt sich bei uns ebenfalls im Rahmen der Normalität mit den Kindern. Vielleicht ist das eigentliche Dilemma, dass man sich heutzutage schon ohne Kinder gnadenlos überfordert fühlt durch die Herausforderungen des modernen Lebens. Und dann kommen da noch die Kinder dazu. Was ja bedeutet, sich nicht nur mit ihnen, sondern auch mit den Institutionen auseinander zu setzen. Die heute viel mehr verlangen als zu der Zeit als wir Kinder waren. Das ist definitiv Fakt. Schule bedeutet riesigen Druck, so empfinde ich es, auf die Kindern (vom ersten Schuljahr an), ABER auch auf die Eltern. Heute kamen die Jungs beispielsweise wieder mit insgesamt vier „Elternbriefen“ nach Hause, voll mit Anforderungen und Hinweisen. Dieser Overkill treibt mich eines Tages noch in den Wahnsinn. Aber das ist ein ganz eigenes Thema.
    P.S.: Die Sachen aufs Bett zu schmeißen, ist eine super Idee :-)

  14. andrea

    ja, so empfinde ich es auch… man muss heutzutage schon für kinder “ entspannungsinseln“ schaffen, manche brauchen sogar anleitung zum spielen, weil sie das gar nicht richtig kennen, sich in etwas hineinfallen zu lassen. das ist ein sehr trauriger aspekt unseres modernen lebens. manchmal denke ich, ich möchte irgendwo wohnen, wo nur ganz wenige menschen leben und wo die zeit irgendwie stehengeblieben ist.. das ist nicht gerade sehr realistisch, aber das sind dann so meine “ entspannungsinseln“

  15. Erziehung im 21. Jahrhundert ist schwierig. Wie schon hier erwähnt, gibt es einen wahren „Overkill“ an guten Ratschlägen und einen imanennten Drang alles immer und zu jeder Zeit richtig machen zu müssen. Ein Korsett an Erwartungen. Wir als Erziehende ersticken daran. Unsere Wirklichkeit ist im Zustand des Dauerwandels. Tradierte Rollen gelten nicht mehr, der berufliche Alltag suggeriert Freiheit/Selbstentfaltung, wird aber gleichzeitig in Schemata gesteckt, die auf jeden Fall einzuhalten sind und einer totalen Gleichschaltung aller dienen (ohne perfekte MS-Office-Paket-Kenntnisse bist Du nichts) und – last not least – fehlt uns allen eine Vision, ein Ziel. Ein Lebensentwurf also, der uns befähigt zu träumen, zu kämpfen für diese Träume. Was bleibt, ist die Konfusion, der Gestus „sowohl als auch“, die schreckliche Suche nach neuen Möglichkeiten bzw. der Trauer um vergebene. Hey, wie soll man vor diesem Hintergrund denn vernünftig ERZIEHEN (können)? Es bleibt: ein schmaler Grad. Auch die Erziehung von Kindern.

  16. @Andrea: Diese Sehnsucht kenne ich nur zu gut!

    @Peter, das unterschreibe ich! Eltern sind heute von einer rieisigen Erziehungsunsicherheit geprägt. Das fängt aber bereits bei Kleinigkeiten an, die sich dann mitunter zu den im Blog beschriebenen Konfliktbaustellen aufbauschen. Man scheut sich, den Kindern von klein auf bestimmte Dinge schlichtweg „anzutrainieren“, weil man sie nicht „drillen“ will und hofft, dass sie sich das, was „sich gehört“ von alleine abschauen. Was leider nur bedingt passiert und irgendwann merkt man, wie wichtig es gewesen wäre, das Kind kaum das es sprechen konnte, an der Wursttheke zum Dankesagen zu zwingen, oder erziehungspolitisch korrekt ausgedrückt: es zum Dankesagen zu motivieren.

  17. andrea

    @peter: du sprichst mir aus der seele, nur kann ich es nicht so gut formulieren.
    ja, ich denke, sich ein eigenes bild/ ziel zu schaffen hier im bezug auf die erziehung der kinder ist wohl das wichtigste. kinder müssen ( leider ) in er gesellschaft funktionieren, da geht kein weg drumherum denke ich, aber sie müssen nicht allen erwartungen gerecht werden, die z.b. pädagogen in der nachmittagsbetreuung oder übereifrige lehrkräfte oder eben die verkäuferin an der wursttheke an sie haben. also eine eigene persönlichkeit entwickeln und dennoch ein angemessenes sozialverhalten an den tag legen, das ist eines meiner ziele… ob ich das hinbekomme weiß ich warscheinlich auch erst in frühestens 10 jahren..

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