Wir müssen über die Zukunft reden

„Von mir aus könnt’s direkt morgen losgehen mit der Rente.“

Mein spontan auf facebook geäußertes Stimmungstelegramm erntete einiges an Zuspruch. Offensichtlich stehe ich mit meiner Müdigkeit den Broterwerb betreffend nicht alleine da. Dabei geht es mir (und ich vermute auch den anderen) gar nicht darum, sich den Rest des Lebens auf die faule Haut zu legen. Gemeint ist die Sehnsucht nach einem Ausstieg aus dem Erwerbsleben. Eine riesige Unzufriedenheit brodelt da unterschwellig vor sich hin, jedenfalls ist das mein Eindruck, unabhängig davon, ob jemand angestellt ist oder selbständig.

Wobei es für Selbständige noch dramatischer ist, wenn der Wunsch nach Ruhestand vorhanden ist und es eine Rente in dem Sinne gar nicht gibt. Viele Freiberufler zahlen aufgrund unsicherer und phasenweise nicht vorhandener Einkommen heute zu wenig oder gar nichts ein. Meine Voraussicht laut Schreiben der Deutschen Rentenversicherung beträgt nach aktuellem Stand beispielsweise 386,10 Euro monatlich. Sofern – so heißt es – „zur Regelaltersgrenze wie im Durchschnitt der letzten fünf Jahre eingezahlt wird“!

Wie im Durchschnitt der letzten fünf Jahre! Bei der Vorstellung, weitere 25 Jahre freiberuflich im „Großraum Medien“ zu arbeiten, ergreift mich ein mulmiges Gefühl. Journalismus, Werbung, PR – die so genannte Kreativwirtschaft offenbart sich mit zunehmender Härte. Freie Mitarbeiter sind von Einsparungen stets als erste betroffen. Honorare sinken, während die Erwartungen der Auftraggeber steigen. Passend dazu auch der jüngst gesendete ZDF Aspekte-Beitrag zu dem soeben erschienen Buch „Echtleben“ von Katja Kullmann: „Echtleben“-die-Ängste-der-30-45Jährigen.

Also, was tun? Momentan habe ich leider keine Lösung, nicht einmal eine Idee. Aber ich halte die Augen offen. Noch lasse ich mir die Hoffnung nicht nehmen, dass es einen Weg gibt, erwerbstätig in Würde zu altern und einen halbwegs angenehmen Lebensabend zu verbringen. Kreativen fällt schließlich immer etwas ein.Warum sollte sich das nicht in einem alternativen Zukunftsentwurf auszahlen?!!

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8 Kommentare

Eingeordnet unter Älterwerden, Freiberufsleben, Gesellschaft

8 Antworten zu “Wir müssen über die Zukunft reden

  1. Früher war selbst die Zukunft besser, wir erleben Zeiten in denen die Gegenwart zur traurigen Hintergrundkulisse einer heranrasenden Drohgebärde Namens „Zukunft“ verkommt“. Rente ist sicher? unseren Kindern wirds mal besser gehen? Utopien der Genaration vor uns, weggespült vom Übermut der neunziger/postneunziger Phase und dem Kater der darauf folgte.

  2. Salü,
    ich bin in einem krisensicheren Job unterwegs. Dennoch fühle ich mich unzufrieden. Einfach, weil ich am Bürokratismus und an einer subjektiv erlebten Willkür zugrunde gehe.
    Ich arbeite gern und auch mit Leidenschaft, gerne steigere ich mich hinein, ackere und hoffe auf eine gute Ernte. Allerdings geht mir der ganze Schrott drumherum gehörig auf die Nerven. Zusatztermine hier, resistente Gegenüber da.
    Und schon merke ich, wie ich wieder beginne rohrzuspatzen und drohe ausfällig zu werden. Das möchte ich nicht. Ich möchte doch einfach in Ruhe meinen selbstgewählten Job tun, ohne dass dauernd irgendeine Knalltüte, die ich als Profilneurose einstufe, etwas von mir will und sich auf meine Kosten hochbuckelt.
    Grässlich.
    Ich glaube, ich kaufe mir jetzt die höchsten Schuhe, in denen ich laufen kann und stöckel ab sofort auf himmelhohen 14cm durch meine Arbeitsstelle und schaue mich hochnäsig nach allen anderen da unten um.

    Nachtrag: ich könnte gar nicht ohne Arbeit. Ich werde wohl immer was zu tun haben.

  3. Dagmar

    You’ve been reading my mail and my thoughts.
    Alle beide. Anke und Mieze.
    Wie immer ist es ein tröstendes Gefühl, nicht allein dazustehen, aber hilfreich ist es am Ende nicht. Ich habe einen sogenannten „Traumberuf“. Und für mich war es auch ein solcher, 1984, als ich anfing. Inzwischen ist es ein Job. Und ich weiß, das liegt nicht an mir. So selbstgefällig bin ich dann schon. Warum ich das weiß? Weil ich, wenn ich kein Geld für meine Familie verdienen müsste, die gleiche Arbeit gern ehrenamtlich machen würde. Und zwar so, wie ich sie für richtig halte. So, wie sie mir aus dem Herzen kommt. Rente? Gern! Dann könnte ich endlich … leben.
    Vielen Dank.

  4. … „rente sofort“? ja, das wär was, hehe … aber sind wir da nicht wieder beim „bedingungslosen grundeinkommen“? … was ich hier leider, aus mangel an volkswirtschaftlichem wissen, nicht vorrechnen kann, aber sowas soll ja ökonomisch möglich sein.
    … aber: dazu müssten wir natürlich alle dazu in der lage zu sein, eigenverantwortlich zu erkennen, was wir wirklich wollen. und: welche „arbeiten“ notwendig sind, damit alles läuft (ich meine die „schnöden“ reproduktiven arbeiten wie: haushalt, kinder-betreuung, alten-pflege, müll-entsorgung, und so weiter)
    und: wir müssten uns davon befreien, dass „arbeiten“ an sich ein selbstzweck und was tolles ist (also, dieses dämliche „leistungsprinzip“ hinter uns lassen.
    @mieze
    …. ach, du kannst ruhig auch mal ausfällig werden :-) „hysterie ist eine wahnsinnig wichtige energie“, sagt die schauspielerin sophie rois in einem interview der aktuellen MISSY (http://missy-magazine.de/magazin/missy-0211/), und sie hat ja so recht! wenn die dinge bescheuert sind, kann man sich auch darüber aufregen!

  5. Für die notwendigen Arbeiten (Haushalt, Kindererziehung etc.), die zum Leben gehören, gibt es keinerlei Anerkennung, oft nicht einmal Akzeptanz. Aber gut, das kann ich hinnehmen. Was mich jedoch wirklich krank macht, ist, dass die Arbeit (zum Broterwerb), die ich mit Herzblut verrichte, gar kein oder ein geringes Honorar einbringt. Seit zwei Jahrzehnten lebe ich in dem Zustand, dass ich je mehr verdiene, je weniger ich in einer Tätigkeit „aufgehe“. Die Hoffnung, dass sich das irgendwann in meinem Leben ändern könnte, gebe ich nicht auf, doch schrumpft sie kontinuierlich. Allmählich bin ich sogar geneigt, an ein „Grundeinkommen“ zu glauben, als Plan Z, eine aller aller letzte Hoffnung, in etwa so, wie man hofft, dass es vielleicht doch ein Leben nach dem Tod gibt, obwohl man eigentlich nicht einmal im Traum daran glaubt.

  6. Vielleicht ist es deshalb so wichtig, sich selbst gut zu pflegen und seine Bedürfnisse zu artikulieren. Ich weiß, dass ich als kinderlose Frau da recht einfach drüber schreiben kann…Dennoch: Ich befürworte ein individuelles Pflegeprogramm, das nur jeder/jede Einzelne für sich herausfinden muss. Es sollte eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit (hier bitte Berufung o.ä. einfügen) be-, entstehen.
    Ab und zu tut eine Reflexion des Berufes, den man innehat, gut > Fortbildungen zu diesen Themen (Burn-Out, Zeitmanagement o.ä.) rücken einem manchmal, nicht immer den Kopf gerade und setzen die Arbeit in das rechte Maß.
    So viel in morgendlicher Stunde.
    Und: ICH BIN NICHT HYSTERISCH! Nur manchmal extrem schockiert und wütend XD

  7. Es geht weniger um „Working Balance“ als um eine berufliche Perspektive, sprich: der Möglichkeit, im Leben einer Aufgabe nachzugehen, die für einen selbst „sinnstiftend“ ist und zugleich den Lebensunterhalt sichert – bzw. geht es um die Abwesenheit einer solchen Perspektive. (Und in dem Fall nicht einmal um Sinn, sondern um nackte Existenzsicherung)… Darüber hinaus: „Sich pflegen“ hat – abgesehen von Spaziergängen o.ä. – häufig auch mit Geld zu tun. Ein Budget, das übrig bleibt, nachdem der Lebensunterhalt gedeckt ist, muss erstmal vorhanden sein… Und: Einem Burn-Out, der nicht durch den Job, sondern durch Unsicherheit und Perspektivenlosigkeit entsteht, ist nur schwer beizukommen.

  8. Das Wort „Beruf“ ist wahrscheinlich irreführend. Ebenso wie das Wort „Sinn“. Wir müssen uns selbst den Sinn schaffen. Er ist nicht mehr so vorgegeben wie im 19. und 20. Jahrhundert. Dort gab es auch noch die Berufung, der einige wenige nachgehen konnten.
    Es ist geht bei einem Job um die Existenzsicherung, da stimme ich Dir zu. Auch in erster Linie. Damals im 19. /20. Jahrhundert konnte man nicht von Sinnsuche der arbeitenden Bevölkerung sprechen. Diese strebte erst im Zuge der Arbeiterbewegung nach einem Sinn.
    Und heute – um mal einen sehr weiten Bogen (ich bitte um Verzeihung) zu spannen – möchte man einfach bei sich sein. Aber das geht heutzutage immer weniger, da man vielerlei Verpflichtungen eingeht.
    Wenn einen etwas so stört, wie hoch muss der Leidensdruck sein, damit die Person aufhört. Entgegen aller rationalen Überlegungen? Das erfordert sicherlich, systematisch wie wir Menschen sind, einen NOtfallplan. Einen doppelten Boden. Aber so lange wie man nicht springt und sich der schrecklichen Zukunft gewiss ist, so lange wird man in der entsetzlichen Gegenwart verharren. Und niemand hat behauptet, dass das hopplahopp geht und einfach ist. Vielleicht mal ausprobieren?

    Und Geld ist zumindest nicht für mich zum Entspannen, Zurückziehen wichtig. Und ich finde Spaziergänge anstrengend. Ich brauche ein Café, ein Buch und Leute. Das reicht mir.
    Oder mein Balkon. Mein Bett. Mein Farbkasten. Kleine Quellen des Glücks.

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