Text-TÜV in Wolfenbüttel

Bundesakademie Wolfenbüttel – wie schon gesagt: ein inspirierender Ort. Seminare auf höchstem Niveau, eine beruhigend schlichte Unterkunft und die perfekte Rundumversorgung vom Frühstück bis zum Abendbrot. Zweieinhalb Tage kann man sich voll und ganz auf „die Sache“ konzentrieren. Das tut unglaublich gut.

Nach einem Photoshop-Grundkurs und einer „Werkstatt für kurze Texte“ hatte ich mich diesmal um eine Teilnahme am „Text-TÜV“ beworben. Das Seminar war mir empfohlen worden. 10 Manuskript-Seiten eines Romanprojekts mussten im Vorfeld eingesandt werden. Die Zusage der Teilnahme war so etwas wie die Überwindung einer ersten Hürde.

Als ich mich auf den Weg machte, war ich zugegebenermaßen nervös. Denn neben dem hoch geschätzten Bereichsleiter Literatur Olaf Kutzmutz war Martin Hielscher mit der Leitung des Seminars betraut. Prof. Dr. Martin Hielscher – der Pop-Star unter Deutschlands Lektoren. Der Mann, der sich in den 90ern für eine junge deutsche Literatur und das „neue leichte, realistische Erzählen“ stark gemacht hatte und als Geburtshelfer der Popliteratur gilt.

Ich konnte es gar nicht fassen, dass a) dieser Big Name ein Literaturseminar mit No Names leitete, b) ich daran teilnehmen würde und c) ER sich tatsächlich mit einem Text beschäftigen würde, den ICH geschrieben habe. Doch so war es. Und er tat dies aufmerksam, zugewandt, respektvoll, fair und konstruktiv, auf eine ganz und gar unprätentiöse Art. Abends saß er mit uns noch beim Bier, sprach über die Verlagsbranche, das Dasein als Lektor im C. H. Beck Verlag und über den Beruf Autor. Alles in allem nicht sehr schillernd. Aber das überraschte niemanden wirklich. Es ist eine harte Branche und das Autorendasein – sofern man keine Bestseller produziert – von wenig Verdienst begleitet.

Zur Vorbereitung hatten alle 14 Teilnehmer/innen einen „Reader“ erhalten, der die jeweils 10-seitigen Textproben enthielt. Im Seminar gab es kurze Lesungen von 1,5 bis 2,5 Seiten. Anschließend wurde innerhalb der Gruppe kritisiert. Vom Hörensagen wußte ich, dass es in solchen Seminaren durchaus passieren kann, dass angehende Autoren demontiert werden und heulend zusammenbrechen. Nicht so in diesem. Die Kritiken waren durchweg konstruktiv. Ich erhielt neben grundsätzlicher Zustimmung klare Anhaltspunkte für Nachbesserungen und profitierte nicht nur durch die Besprechung des eigenen Textes, sondern auch durch die der anderen.

Zum Abschied sagte Martin Hielscher sogar noch: „Mach da weiter!“ Ich hätte aufatmen sollen. Ich könnte motiviert sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Ich fühle mich zerrissen: In der einen Hand halte ich nun die Prüf-Plakette für den Entwurf von Text und Idee; durch die andere Hand zerrinnt weiterhin die Hoffnung, dass so ein Projekt, in das noch sehr viel Arbeit investiert werden muss,  jemals einen zufrieden stellenden Ausgang nehmen könnte. Und ich erwische mich bei dem Gedanken, dass es vielleicht besser gewesen wäre, gar nicht erst über den TÜV zu kommen… Ja, ja, das ist mal wieder typisch!

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10 Kommentare

Eingeordnet unter Helden, Inspiration, Schreiben

10 Antworten zu “Text-TÜV in Wolfenbüttel

  1. Das klingt alles sehr, sehr gut. Noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: „Machen Sie da weiter!“ Der der Dich jetzt aufhalten will ist der Schweinehund. Ein großes, dickes und besonders, destruktives Vieh. Die Königsdiziplin in Kunst und Kreativität ist es diesen Kerl abzulenken, bis man vorangekommen ist.

  2. Er sagte tatsächlich: „Mach da weiter!“ Wir waren alle per du. :-) Das habe ich vergessen zu erwähnen. Es hat die Atmosphäre zusätzlich aufgelockert. „Per Sie“ bin ich allerdings mit dem Schweinehund, diesem Fettwanst. Ich sollte weniger Respekt vor ihm haben. Du hast Recht, Annton, der steht im Weg. Aber wirklich nur er? Freunde raten zur Familienaufstellung.

  3. Barbara

    Weitermachen!, ruft auch die Stimme aus der Schweiz. Einfach immer wieder drangehen, liebes papierschiffchen, nicht aufgeben. Mir haben die 10 Seiten nicht gereicht, ich möchte die ganze Geschichte lesen.

  4. Ich schließe mich Barbara an. Allerdings nicht ohne auch Barbara zuzurufen: Du aber auch! Weitermachen!
    Am besten wir treffen uns in einem Jahr wieder.

  5. Liebe Frau S.
    Was quältst Du Dich so? Für welchen Zweck streckst Du alles Lob so weit weg? Warum zwingst Du Dich selber dazu, jetzt weitermachen zu müssen? Du hast alle Zeit der Welt. Du kannst weitermachen. Weil Du es könntest, weil Du die Eignung eines Mannes hast, der die Branche kennt. Du musst aber nicht.
    Und gar nicht sofort.
    Genieß das Lob. Dreh es doch mal um und um und um. Und erfreue Dich daran.
    Wie schön.
    Weitermachen. In Deinem Tempo. Finde doch erstmal Dein Tempo. Und wenn es das einer Schnecke ist. Dann ist das so.
    Eile und hetze Dich nicht so.
    Merke, dass Du was geschaffen hast, das andere gut finden. Und die Dich ermuntern, weiter zu machen. Aber doch nicht bis übermorgen.

    Genieß es. Andere schreiben und denken, sie wären toll. Och nö.

  6. @Barbara, @Weberin: Vielen Dank! Ihr auch: Weitermachen!!! Unbedingt. Das mit dem Wiedersehen in einem Jahr ist eine gute Idee. Bin gespannt, was wir bis dahin im Gepäck haben… (Vielleicht ja auch was ganz anderes, beispielsweise den Businessplan für die Eröffnung eines Kiosks…?!)
    @Mieze: Dir auch herzlichen Dank für die Anregung. Warum komme ich denn selbst nie auf so entspannende Gedanken? Snail writer – why not? Klingt fast wie Whale Rider :-) Vielleicht steht die Vollendung der Dinge ja auch erst im nächsten Leben an?! Sein Tempo suchen! Das ist es wohl.

  7. Liebe Frau S.

    In mir steckt auch ein Buch. Keine Ahnung, ob es je rauskommen wird. Ich habe so viele Ideen für eine Geschichte, aber ich finde auf dem Papier keinen Faden, der sie zusammenhält. Das finde ich schade, so entgeht dem deutschen Volk lustige und spannende Geschichten. Dennoch puzzel ich weiter, vielleicht bringe ich die Fragmente alle mal zusammen? Vielleicht aber auch nicht. Ich arbeite so wie ich lustig bin (oder wütend oder traurig oder entspannt).
    Mach weiter. Aber find Dein Tempo. Und nimm Lob einfach mal an. Es ist zwar schwer, ist aber möglich!
    Liebe Grüße
    Dein Kätzchen

  8. DER GROSSE FRAGMENTROMAN :-)
    Wird natürlich erst nach Lebzeiten veröffentlicht.
    … mittlerweile habe ich die Wahrscheinlichkeit des Scheitern – im Sinne von: mit einem Langprojekt womöglich nie zu einem Ende zu gelangen – bereits fest einkalkuliert. Und kann darüber sogar einigermaßen lachen.

  9. Das mit dem Lob kann verdammt schwierig sein. Denn oft wirft das ja nur neue Fragen auf. Da verstehe ich Anke also sehr gut. Selbstverständlich haben alle anderen aber recht.

  10. Grapponia

    Wehe, Du machst da nicht weiter! Ich bin angefixt, dass das mal klar ist.
    ;-)

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