Über die Wechselwirkung von Haaren und Kleidern

Ich komme vom Friseur. Die Haare sind deutlich kürzer. Kürzer als ich das eigentlich wollte. „Vertrau mir“, hatte mein Friseur gesagt. Und das kommt dabei heraus: Mittellang. Mittellang ist ein Kompromiss. Ich neige zu Kompromissen, gewöhnlich, aber diesen bin ich nicht freiwillig eingegangen. Farbe wollte ich, ein paar Stufen, einige Zentimeter ab. Eine Zeit lang hatte ich über einen richtigen Kurzhaarschnitt nachgedacht. Jedoch nicht am Tag des Friseurbesuchs. Haare taugen nicht zum Kompromiss, das weiß ich schon lange. Sie müssen lang sein oder kurz. Alles mittellange Geschnipsel ergibt unentschiedenes Gefransel. Jedenfalls bei mir.

Die Kinder sagen, dass es ihnen gefällt. Herr S. sagt nichts, fragt stattdessen: „Wie findest du es?“
Ich ziehe die Schultern zu den Ohren und die Mundwinkel entgegengesetzt.
Die Kinder sehen erwartungsvoll ihren Vater an. Ich auch.
Er sagt: „Ich find’s gut. Du siehst viel jünger aus. Die langen Haare waren total strohig… Aber du bist unglücklich damit, das sehe ich ja.“
Ich nicke.
„Warum denn?“
„Es sieht so brav aus…“
„Nein überhaupt nicht, eher im Gegenteil.“
„ … doch, total bieder… irgendwie spießig…“
Nun schüttelt Herr S. entschieden den Kopf. „Also nein, wirklich nicht.“ Er mustert mich noch einmal konzentriert. „Wenn etwas spießig aussieht, das muss ich dir sagen, dann ist es dein T-Shirt.“
Ich erschrecke, sehe an mir herunter. Mein neues T-Shirt. Spießig?

Für die Kinder ist das ein gefundenes Fressen.
„Ja!“, quietscht Sieben. „Das T-Shirt ist total spießig!!!“
„Genau!“ sagt Neun.
Dass beide auf Nachfrage nicht erklären können, was das Wort überhaupt bedeutet, stört niemanden. Alle finden, dass es stimmt. „Spießiges T-Shirt, spießiges T-Shirt“ jauchzen sie.

Es hat einen breiten Saum am Halsauschnitt, ist leicht gerafft, der Baumwollstoff hat einen dezenten Camouflage-Touch. Nur wenn man genau hinschaut, erkennt man das. Oberflächlich betrachtet ist es ein anthrazitfarbenes T-Shirt mit Rundhalsausschnitt. Na, ja, im Detail ist es, wenn man so will, vielleicht ein bisschen „spießig“. Aber was heißt das schon? Beim Versuch, den Kindern zu erklären, was „spießig“ bedeutet, scheitere ich jedenfalls kläglich. Es ist auch unwichtig. Das T-Shirt hat seinen Namen weg. Sollen sie ihren Spaß haben. Ich werde es so oft wie möglich anziehen. Und nächstes Jahr, wenn meine Haare wieder lang sind, dann werden sie bemerken, dass es an der Frisur gelegen hat.

Advertisements

10 Kommentare

Eingeordnet unter Familie, Widrigkeiten des Lebens

10 Antworten zu “Über die Wechselwirkung von Haaren und Kleidern

  1. Ohje. Das klingt nicht nur spießig, sondern auch noch deprimiert.
    Schön wäre es, wenn man sowohl einen Friseur für immer gefunden hat als auch eine Klamotten, die immer an einem perfekt und gut aussieht bzw. einen perfekt und gut aussehen lässt.
    Haare sind gemein. Die liegen meist nie so wie man das gerne hätte. Aber seit ich meinen Friseur gefunden habe und tagtäglich meine Rundbürste mit Naturborsten benütze, sitzen meine Haare. Und an meiner Frisur werd ich höchstens nur noch die Farbe ändern. Aber da ich DIE Frisur für mich entdeckt habe, werd ich den Teufel tun und die nicht mehr wechseln.
    Und was Tees angeht: Wenn es Dir nicht gefällt oder Du Dich unwohl, unsicher fühlst, weg damit!

  2. Claudia lost in France

    Zum Frisör sollte man nur gehen, wenn man seine Haare absolut schrecklich findet oder seine alte Frisur auffrischen lassen will. Ich habe jetzt einen ähnlichen Fehler begannen wie du….eigentlich sahen sie vorher einigermassen gut aus und ich fühlte mich wohl damit, aber ich wollte für meinen Geburtstag noch etwas besser aussehen.Fehlanzeige.Sie sind etwas kürzer, aber nicht kurz genug, so dass es nach einer Frisur aussehen würde.Ein unförmiges Geschnipsel, dem ich nur mit täglichem Rumföhnen Herr/Frau werde…inklusive einer Haarspange..Alles sehr zeitaufwendig……Ich ähnele jetzt eher einem kleinen Mädchen.Die Frisörin überredete mich sie unten ja nicht wieder fransig zu schneiden, das würde unmöglich aussehen bei der Haarlänge. Und ich wollte ihr nicht widersprechen…Und in meinen neuen Sommerklamotten fühle ich mich damit auch nicht mehr wohl..das zur Wechselwirkung zwischen Frisur und Kleidern.Ich spiele auch mit dem Gedanken sie noch eine ganze Ecke kürzen zu lassen.Aber dazu fehlt mir grade der Mut………

  3. …. wirklich tückisch, diese Wechselwirkungen!!
    Jedoch möchte ich ausdrücklich sagen: Weder bin ich deprimiert. Noch finde ich selbst mein T-Shirt „spießig“.
    Spießig! Ein interessantes Adjektiv, dem ich vermutlich noch eine separate Betrachtung zukommen lassen werde.
    Ansonsten muss ich da jetzt durch. Die Haare wachsen ja zum Glück wieder. Nur war es mir einmal mehr eine Lehre. Keine halben Sachen, jedenfalls nicht auf dem Kopf.

  4. Dagmar

    Wie immer packt mich der Neid, weil ihr soviel Auswahl habt. ;-)
    Meine blöden Locken machen immer nur das, was SIE wollen … und nie, aber auch niemals das was ICH will. Fransen! Von sowas habe ich schon mit 12 geträumt. Die waren damals nämlich schonmal echt in. Fransenpony! Hach! Und was hatte ich? Zwei Lockenhörnchen über der Stirn. Hölle Hölle Hölle.
    Ich habe alle, wirklich alle Haarlängen durch. Und alle Friseure auch. Okay, vielleicht nicht ganz alle, dafür ist die Stadt zu groß. Aber zumindest alle, die die eine und einzige Frisur für mich zu kennen schienen. Stufig, ganz kurz (bei dicken Frauen ist das das Modell „Kampflesbe“ – gaaaanz toll). mittellang, ganz lang oder irgendwas dazwischen. Waschen, Schneiden, sitzt. Trocknen/Fönen – und Staunen: Nichts ist mehr so wie geplant. Überraschung! Die Locken haben sich mal wieder durchgesetzt. Leider aber sind sie auch nicht so wie in der Schmeiß-die-Schere-weg-Werbung. Oder bei Nastya („natürrrlich“) aus der LIndenstraße. Meine Locken sind einfach nur … mittel.
    Ich hab ne Friseurphobie inzwischen. ;-(

  5. @Dagmar: Und wie verhalten sich die Locken zu den Klamotten? Gibt es da vielleicht eine spezielle Wechselwirkung?

  6. Sehr lustig. Eine wahre Geschichte. Der Hinweis auf das „spießige T-Shirt“ sollte die Situation retten … und hat sich dann als eigene Nebengeschichte irgendwie verselbständig. Ja, so kanns mitunter gehen. Den Landbewohner hier sind wir sowieso suspekt – „Ihr kommt sicher aus Düsseldorf“. Sooo „spießig“ können Haare und T-Shirt also gar nicht sein. Modestadt DÜSSELDORF!

  7. Dagmar

    Meine Klamotten sind meist so wie die Frisur: Undiszipliniert und ohne größere Bearbeitung. Mit anderen Worten: Ganz und gar unspießig. ;-)

  8. Ich kann das nicht ohne Foto von Frisur und T-Shirt beurteilen.

  9. In meinen Augen ist es definitiv nicht Deine Frisur. Den Haaren – strohig – bekommt das Schneiden eher gut. Das T-Shirt ist dezent, aber nicht unbedingt spießig. Ich unterschreibe somit den letzten Satz: „Und nächstes Jahr, wenn meine Haare wieder lang sind, dann werden sie bemerken, dass es an der Frisur gelegen hat.“ In diesem Sinne noch einen schönen Mittellang-Sommer.

  10. black eyed peas neues lied 2012

    Mistakes are a part of being human. Appreciate your mistakes for what they are: precious life lessons that can only be learned the hard way. Unless it’s a fatal mistake, which, at least, others can learn from.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s