Das spießige T-Shirt und ich

Wie erklärt man Kindern, was „spießig“ ist? Wie erklärt man es sich selbst? Mein neues T-Shirt, das, wie im vorangegangenen Eintrag berichtet, bei uns seit einigen Tagen als „Das spießige T-Shirt“ gilt, ist es jedenfalls nicht, spießig, oder doch? Sicher bin ich mir nicht. Was ist die Definition von „spießig“? Wie kann man den Begriff in klare, einfache Worte fassen, die auch Kinder verstehen?

Als ich es Sieben und Neun erklären wollte, sind mir zunächst natürlich die gängigen Symbole eingefallen: Reihenhaus, Schäferhund, Kleingarten, beige Strickjacke. Doch kaum, dass ich sie aufzählen wollte, kam mir die Familie M. in den Sinn, die zwar in einem Reihenhaus wohnt, aber ein unstetes, semi-prekäres Freiberuflerdasein führt. Weiter fiel mir ein, dass Schäferhunde aus dem öffentlichen Leben weitgehend verschwunden sind, dass ein DJ-Freund und ein paar andere Bekannte seit einigen Jahren begeisterte Schrebergartenpächter sind und eine beige Strickjacke zu meinen Lieblingskleidungsstücken zählt.

Daraus ergeben sich zwei Fragen: 1.) Haben die bisherigen Symbole der Spießigkeit ausgedient und müssen neue gefunden werden? ODER 2.) Sind wir nicht alle ein bißchen spießig, auf eine eigene Art, mit zunehmendem Alter. Die Reihenhaus-Familie M. ebenso wie der plattendrehende Laubenpieper und letztendlich ich (und mein neues T-Shirt)?

„– Ich weiß, es ist spießig, aber…“ lautet ein Kapiteluntertitel in Katja Kullmanns jüngst erschienem Buch „Echtleben. Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“ – für mich derzeit eine Art Bibel der eigenen, ich nenne es: Moderneslebensmüdigkeit. In besagtem Kapitel geht es um Authentizität, bzw. deren Unmöglichkeit. Sehr interessant! Dort heißt es:

„Einmal hörte ich jemanden sagen: „Ich weiß, es ist spießig – aber um nicht spießig zu wirken, erlaube ich immer jedem Besucher seine Schuhe anzulassen, egal, wie viel Matsch oder Sand an den Sohlen klebt, ich dulde auch Hundedreck. Lieber putze ich später zwei Stunden lang alles durch. (…)“ 

Derlei Gedankengänge sind mir nicht fremd. Als neulich der Klempner mit seinen Arbeitsschuhen über unseren beigen(!) Badezimmervorleger (spießig?) trampelte, zuckte ich kurz zusammen und stellte mir die Frage, ob ich ihn hätte bitten sollen, seine Schuhe auszuziehen – kam dann aber zu dem Schluss, beim nächsten Mal in so einer Situation das Schöner-Baden-Textil rechtzeitig zusammenzurollen.

Und was ist nun das Fazit dieser zugegebenermaßen etwas wirren Ausführungen? Ich kann weder für die Familie M. sprechen noch für die Schrebergartenfreunde und schon gar nicht für den Bekannten von Frau Kullmann. Nur mich selbst kann ich fragen: Bin ich spießig oder nicht? Ich neige dazu, die Frage mit „sowohl als auch“ zu beantworten. Ganz im Sinne der Political Correctness. Oder nein.  Eine solche Haltung ist doch im Grunde der Inbegriff von Spießigkeit!! Ach, ich weiß auch nicht. Die Frage überfordert mich. Glücklicherweise haben die Kinder es auf sich beruhen lassen. Und das tue ich jetzt einfach auch.

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9 Kommentare

Eingeordnet unter Familie, Gesellschaft

9 Antworten zu “Das spießige T-Shirt und ich

  1. Dagmar

    Da ich einen Schrebergarten habe und es durchaus schätze, wenn Gäste ihre (vor allem herbstlich-winterlichen) Treter vor der Tür abstellen, habe ich jetzt doch mal nachgeguckt. Zumal ich meiner besten Freundin mit den Blumenkästchen am Balkon immer gern einen „Spießerbalkon“ attestiert habe.
    Da lese ich, dass Ödon von Horvath 1930 den Spießer beschreibt als einen „hypochondrischen Egoist, der danach trachtet, sich überall feige anzupassen und jede neue Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet“. Neee, so bin ich nicht. Hypochondrisch überhaupt nicht, ideenklauerisch auch nicht, und zum Anpassen und in der Masse Abtauchen tauge ich schon rein äußerlich nicht.
    Tante Wiki weiß, dass Spießer „engstirnige Personen“ sind, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen, Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung auszeichnen.
    Hey, das bin ich auch nicht. Ich würde meine Lebensumgebung gern noch öfter verändern! Spenden willkommen.
    Insofern entspanne ich mich jetzt, setze mich in meinen Liegestuhl auf dem Balkon (ohne Blumenkästen!) und blättere mal die neue HörZu durch. Meine Kollegen feixen immer. Die halten eine Fernsehzeitschrift im Allgemeinen und diese im Besonderen für den Inbegriff der Spießigkeit. Aber das kann mir ja jetzt egal sein. Ödon und ich wissen Bescheid.

  2. Dagmar

    Ach, und: Das ist ein schönes T-Shirt. Nicht spießig. Auf neudeutsch heißt sowas, glaube ich, Basic-Shirt. So what!

  3. *lacht
    Dagmar: Genau das wollte ich auch schreiben, nachdem ich die Kolumne gelesen hatte. Das ist ein stinknormales Basic-Shirt.
    Und Basics im Kleiderschrank zu haben, ist so grundlegend wie eben mal schnell einen Baumwollschlübber überzustreifen anstatt der hauchzarten Spitzenklöppelei aus dem Hause „La perla“ anzulegen.
    Ich definiere Spießigkeit tatsächlich mit Engstirnigkeit und auch zum Teil Langeweile, so ein frisches Steingrau.
    Und ich finde es auch NICHT spießig, wenn ich jemand bitte, die Schuhe auszuziehen: Hundekot in der Wohnung? Nicht bei mir, zumal ich auch wirklich selber putze und für eine Reinigungskraft wäre das auch ne Zumutung.
    Spießig ist, was man draus macht.
    Man sollte versuchen, offen zu sein, ohne sich selbst zu beschränken, indem man etwas zulässt, was man eigentlich gar nicht möchte.
    Und wenn andere mich spießig bezeichnen, bitteschön.
    Aber Basics sind nun einmal wichtig! Wobei ich nicht behaupte, dass Basics spießig sind. Oder?

  4. … und ich lese dauernd „Batik-Shirt“ :-)
    Gegen die Hörzu hege ich gewisse Voruteile, das muss ich zugeben. Aber Fernsehzeitschriften allgemein finde ich toll. Dem unbedingten Appell zum Schuheausziehen stehe ich (als Gast, der dazu aufgefordert wird und damit umgekehrt natürlich auch als Gastgeberin) zwiespältig gegenüber.
    Es ist heute kompliziert, eine eigene Haltung zu haben, darauf läuft es immer wieder hinaus, ganz im Sinne des Echtlebens. Ödon wäre heute sicherlich auch überfordert. Danke, Dagmar, für die ergänzende Materialsammlung.

  5. Hallo Dagmar (und Anke sowieso) – sehr gut, der gedankliche Link zum Horvath! Denn eben das „Spießertum“ wie Anke es beschreibt – das ich selbst kenne, und über das ich tatsächlich bisschen geschrieben habe – ist ja eben kein Spießertum im bösartigen, giftigen, gefährlichen Sinne – eher doch ein Hinweis auf erhöhte Selbstreflexion, eine gewisse Disposition (und Fähigkeit) zur Selbst-Ironie – also letztlich zur Selbst-Distanz – mithin tendenziell das Gegenteil vom Jägerzaun-Prinzip. All diese Gedankengänge sind gleichwohl aber auch Ablenkungsmanöver, Nebenkriegsschauplätze … und, gewissermaßen, AUCH ein Beleg für die viel zitierte „Privatisierung der Lebensrisiken“. Die stände Selbst-Infragestellung ist Chance, aber auch Preis. Ach – und: Danke natürlich fürs Lob. Und: Schäferhunde? Stimmt! Spitzenthema, eigentlich: Warum die Schäferhundedichte seit den 70er Jahren konstant abnimmt … das ist womöglich wirklich so. Und mir nicht unsympathisch. ‚S ist ja doch ein fieses tierisches Symbol. In den USA hat die „Blondie“-Dichte parallel dazu aber zugenommen, so weit ich weiß. Ich glaube: Der Schäferhund ist dort ein Modehund. Oder täusche ich mich? Hm.

  6. Ich mag meine Schuhe nicht ausziehen. Mache ich auch nicht, wenn ich nicht unbedingt dazu aufgefordert werde. Aber wenn ich schon im Vorfeld darüber informiert bin, warum denn nicht?
    Schäferhunde? Deren Population ist wahrscheinlich nur in meinem Heimatdorf noch hoch…da wird immer noch gezüchtet, dass die Welpen heulen.
    Und ansonsten nimmt man hierzulande den Modefamilienhund, mit Hang zur Fettleibigkeit: Golden Retriever.
    Achja: Schäferhunde sind hervorragende Polizei-, Blinden-, Führhunde.
    Und für mich klingt Horváths Beschreibung eher nach einem schleimigen Opportunisten denn Spießer.

  7. Ich denke, dass vieles was man frueher als spiessig erachtet hat, einem heute gar nicht mehr spiessig erscheint und es wahrscheinlich auch niemals war, da Spiessigkeit auch kaum an Auesserlichkeiten fest gemacht werden kann.
    Mit dreckigen Schuhen ins Haus zu laufen ist meiner Meinung nach nichts weiter als ignorant.

  8. Dario Chissono

    Je älter man wird, desto bequemer wird man. Vielleicht aus zunehmender Faulheit, vielleicht aber auch nur deshalb, weil nichts mehr eine aufregende Erfahrung in Aussicht stellt. Interessant für mich ist, dass die meisten Beispiele hier etwas mit Bequemlichkeit zu tun haben. Spießig ist somit alles, was Anstrengung vermeidet. Auch ne überflüssige Diskussion über Piercing im Bauchnabel kann anstrengend sein, insofern läßt man das mit dem Piercen doch bleiben, so als Spießer … außer: alle sind gepierct. Was mich zu der Frage führt: wieso habe ich eigentlich noch keinen Schrebergarten?

  9. …beim Thema Schrebergarten fällt mir ein das ein ehemaliger Schulkolege von mir mal längere Zeit einen hatte um da Hasch anzubauen, ob das Spießig ist weiß ich nicht, bequem ist es auf jeden Fall, bzw. macht der Ernteertrag auf jeden Fall bequem.

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