Berlinale im Landkreis Offenbach

Drei Jahre geht es nun schon so. Kaum ist eine Berlinale zu Ende, nehme mir vor: Aber nächstes Jahr bist du dabei. Nun steht sie wieder vor der Tür. Und: Nix is! Dabei hatte ich es mir geschworen: Nächstes Jahr, ja nächstes Jahr, da fahr‘ ich nach Berlin.  Man meint es wirklich ernst in so einem Moment. Das Vorhaben erscheint unausweichlich. Die Monate vergehen, ohne dass man noch einmal darüber spricht. Dann wird Herbst. Dann Weihnachten. Insgeheim spürt man, dass es wieder nichts werden wird mit Berlin im Februar. Dann kommt Silvester und es ist klar: Auch die bevorstehende Berlinale wird ohne mich stattfinden.

Ganz doof ist das. Festspiele in Berlin und ich sitze im Offenbacher Landkreis. Ein bißchen tragisch ist es auch, denn es hat mit  Trägheit zu tun. Denn, hallo?, so eine große Sache ist es nicht, sich rechtzeitig um alles zu kümmern, um ein Zimmer bei Freunden, um ein Zugticket, um das Organisieren der Abwesenheit zu Hause. Und wenn es bloß für ein verlängertes Wochenende wäre. Da ich einige Filmschaffende noch von früher kenne, könnte ich mir womöglich gar die eine oder andere Einladung zu einer Vorführung oder einer Party organisieren. Doch, ach, was helfen die Vorwürfe?! Nun ist es so. Ich fahre nicht nach Berlin. Keine Filme, keine Party, keine wunderbare Festspielatmosphäre.

Na ja, nicht ganz! Um aus der Ferne teilhaben zu können, habe ich mir für den Februar den Berliner Tagesspiegel abonniert. Nach meinem Geschmack die beste Zeitung, die man anlässlich der Festspiele lesen kann. Großartige Kritiker! Christiane Peitz, Jan Schulz-Ojala, Harald Martenstein – um nur mal drei zu nennen. Auf ganz wunderbare Weise wird hier über Filme geschrieben.

Die Zeitung ist zwar nicht gleich morgens im Kasten, kommt aber immerhin am selben Tag per Post. Natürlich könnte ich die Rezensionen auch online lesen, aber das wäre nicht dasselbe. Der gedruckte Tagesspiegel bringt mir ein besonderes Gefühl nach Hause. Er erinnert mich an Zeiten, in denen ich selbst mit klopfendem Herzen in den Kinosälen der Hauptstadt saß und Gänsehaut bekam, wenn vor dem Film feierlich der Festival-Trailer lief. Bis zu fünf Beiträge habe ich mir pro Tag angesehen, aus allen Sektionen, und zehn Tage lang die Berlinale regelrecht zelebriert, Partys inklusive. Den Tagesspiegel vom nächsten Tag gab es immer schon in der Nacht davor. Wehmut macht sich breit, wenn ich an diese Zeit denke.

Der erste Tagesspiegel aus Berlin traf wie bestellt bei uns auf dem Land ein. Sogar mit vier Seiten Berlinale Special. Die Zeitung auf dem Küchentisch auszubreiten, fühlt sich verdammt gut an. Und irgendwie ist es tröstlich.

Berlinale

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Erinnerung, Film&Fernsehen

6 Antworten zu “Berlinale im Landkreis Offenbach

  1. Es gibt auch näher dran schöne Filmfestivals zum Verpassen, z.B. das Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken im Januar. Ich würde allerdings davon abraten, die Saarbrücker Zeitung zu abonnieren …

  2. Ooohhh ja, das Max-Ophüls-Festival, das liebe ich auch. Dort war ich noch länger nicht mehr. Genauso: das Kinofest Lünen. Auch München und Hof natürlich nicht zu vergessen. Ach ja, ich sollte unbedingt wieder „zum Film“.
    Deinen Tipp, die Saarbrücker Zeitung betreffend, werde ich beherzigen :-)

  3. München und Hof sind sogar zum Verpassen zu weit. Lünen klingt interessant; mal gucken, was die da für Tageszeitungen haben. ,)
    Wo man überall hinmüßte!

  4. Wie immer schöner Artikel. So herzenswarm geschrieben und die Wehmut dräut über allem, aber nicht so bedrohlich, sondern eher weich und wattig.
    Ach man….

  5. Mieze, dank‘ dir! Es freut mich sehr, wenn es so ankommt.

  6. Egg

    …und ich erinnere mich mit einem Schmulzeln an diese Zeit damals in Berlin, z.B. an aufregende Interviews mit Lieutenant Commander Data und Captain Jean-Luc Picard :)

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