Wem der Gong schlägt

Jeden Morgen, hauptsächlich in der Zeit von 7:40 Uhr bis 7:55 Uhr, zwei Grundschüler vom zwanghaften Trödeln abzuhalten, kostet viel Energie. Dazu noch frustrierend ist es, wenn sie trotz aller Bemühungen nicht rechtzeitig aus dem Haus kommen, um pünktlich um 8 Uhr in der Schule zu sein. Ergänzend muss ich erwähnen, dass die Entfernung zwischen Haustür und Pausenhof nicht einmal zwei Minuten beträgt. Mit Ausreden für zu spätes Kommen sieht es entsprechend mager aus. Aus diesem Grund löst die Vorstellung, die Kinder betreten den Klassenraum unpünktlich, bei mir auch sofort ein Schuldkomplex aus. Die Lehrerinnen wissen wo wir wohnen. Folglich muss ihr erster Gedanke sein: Mannomann, was ist das denn für ein Elternhaus, direkt gegenüber der Schule, aber nicht in der Lage, den Nachwuchs pünktlich dort erscheinen zu lassen.

Neulich habe ich jedoch beschlossen, mich von dieser Annahme nicht mehr in die auszehrende Rolle der Antreiberin drängen zu lassen, sondern den Spieß umzudrehen. Ich fragte mich, ob die Kinder seitens der Schule denn nicht zur Pünktlichkeit angehalten werden. Sicherlich würden sie weniger trödeln, wenn eine verspätete Ankunft Konsequenzen hätte. Erstmal eine Ermahnung, dann noch eine, darauf folgend eine Strafarbeit oder Nachsitzen. Das wären logische Konsequenzen. Wirkungsvoller als meine mit hochrotem Kopf vorgetragenen Parolen sicherlich.

Das neue Morgenprocedere sieht nun so aus, dass ich wie gewohnt die Kleider herauslege, Brote schmiere und Turnbeutel bereitlege. Darüber hinaus jedoch nur noch in regelmäßigen Abständen mit kräftiger Stimme die Uhrzeit verkünde. Kinder, es ist 7:48, 7:53, 7:58 Uhr. Wenn ich gut gelaunt bin, füge ich ab und an ein munteres „Beeilt euch!“ hinzu. Das Bellen habe ich mir abgewöhnt.

Was soll ich sagen? Es funktioniert. Das Getrödel hat zwar nicht vollends aufgehört, ist aber deutlich weniger geworden. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Ich weiß nicht, ob das Leben in Gestalt der Klassenlehrerinnen dies erledigt hat oder ob die Kinder in dem Moment ich als hysterische Feldherrin abdankte, Eigenverantwortung übernommen haben. Mag auch sein, dass bis zu 5-minütiges Zuspätkommen von den modernen Lehranstalten stillschweigend geduldet wird und ich mich viel zu lange Zeit umsonst verrückt gemacht habe. Fakt ist, dass die Tage jetzt entspannt beginnen.

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8 Kommentare

Eingeordnet unter Familie, Widrigkeiten des Lebens

8 Antworten zu “Wem der Gong schlägt

  1. Wir leben 2 Strassen entfernt von der Schule. Ich wecke meinen Sohn um 7 Uhr erstmal süß… aber nach 3 Minuten jage ich ihn aus dem Bett ohne Samtpfoten und innerhalb von einer halben Stunde ist er fertig. Am Ende der Prozedur gebe ich ihm wieder ein nettes Küsschen und wünsche ihm viel Spaß in der Schule. Ich kenne dieses „schau mal die Uhr, was sagt die Uhr??“, bringt aber nicht viel. Besser ist: „die Hose, und jetzt die Schuhe, die Milch auf dem Tisch, die Zähne, jetzt die Jacke!“, weil das schlafwandelnde Wesen keinen Sinn für Verantwortung um diese Uhrzeit hat. 7:40 läuft er los, erst die Kälte draussen macht ihn wach… Und ich trinke erst dann meinen Kaffee, ziehe mich um und mache meinen Laden pünktlich um 8 Uhr auf… Früher, ja früher, ohne Kind, war ich mal Künstlerin und hatte „Muße“… Heute ist in diesem Hause Alltagssoldatentum angesagt ;-))) Sonst klappt es nie!!! Und mit den Lehrerinnen (es sind auch noch 2 + eine Erzieherin, Ganztagsschule) will ich, was das angeht, nichts zu tun haben!

  2. Scheint eine anthropologische Konstante zu sein, das mit dem Aufstehen/Fertigmachen. Als „Großer“ hat man das automatisiert (more or less).

  3. Dagmar

    In dem Moment, als ich mit der Frühsendung angefangen habe und meine Dreizehnjährige allein den Wecker stellen und aufstehen musste, war’s vorbei mit der Trödelei. Seitdem läuft alles wie am Schnürchen. ;-)

  4. hostmami

    Oje das mit dem Trödeln morgens kennen auch wir…..Eine gute Idee es mal andersrum zu probieren.LG hostmami:)

  5. Das ist eine schöne Geschichte; darf ich die anderen Gestreßten erzählen?

  6. Danke & aber gerne doch (-:

  7. tintenklekks

    Hallo,

    vom „Mutti sein“ bin ich gefühlt noch so weit entfernt, wie die Erde von der Sonne, doch der Post ist wirklich toll. :)

    Manchmal lebt es sich scheinbar leichter, wenn man entspannter ist und den kleinen Mäusen oder den Lehrern an der Schule ein Stück weit Verantwortung abgibt.

    Ich wünsche noch eine schöne Restwoche.

    Viele Grüße,
    Tintenklekks

  8. Dankeschön Tintenklekks für das Kompliment. Manchmal nähern sich Erde und Sonne schneller als man denkt :-)

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