Ich war noch niemals in New York (5)

Am südöstlichen Ausgang des Central Parks liegt die Grand Army Plaza. Der Platz interessiert mich. Es ist ein Ort mit Symbolkraft, zumindest für „Sex and the City“-Fans. In der Serie begegnet Carrie genau hier zum ersten Mal ihrem „Mr. Big“. Sie rempeln zusammen, der Inhalt von Carries Handtasche verteilt sich über dem Boden, der Rest ist TV-Geschichte. An diesem bedeutsamen Schauplatz stehe ich nun, doch ein Aha-Effekt stellt sich nicht ein. Ohne das theoretische Wissen wäre mir der Platz vermutlich nicht einmal besonders ins Auge gefallen. Er wirkt recht unspektakulär, ebenso wie der Brunnen vor dem sich die Szene ereignet. Am Grand Army Plaza starten regelmäßig „Sex and the City“-Busrundfahrten. Ich hatte mich ausführlich darüber informiert und eine Tour in Erwägung gezogen. Dass ich im Laufe meines Aufenthalts nicht in einen solchen Bus einsteigen würde, entscheidet sich wohl unbewusst in diesem Moment. Bevor ich die 5th Avenue betrete, hinein ins pulsierenden New York.

5th Avenue Gewimmel. Foto: Brian Dubé, www.NewYorkDailyPhoto.com

Feuerwehreinsatz ohne erkennbaren Notfall.

Während die 5th Avenue in dem am Central Park entlang führenden Teil die großen Museen beherbergt, so sind es unterhalb des Parks die großen Geschäfte. Luxustempel wie Tiffanys, Armani, Gucci und Chanel neben Filialen jener Trend-Marken, die überall auf der Welt identische Waren anbieten. Dazwischen auch einige Souvenirläden und sogar Billiggeschäfte. Insgesamt ein riesiges Gewimmel. Reizüberflutung pur. Ich flüchte mich in den „Trump Tower“, ohne zu wissen, was sich hinter der dunkel verspiegelten Fassade verbirgt. In riesigen Lettern prangt der Name über der goldumrahmten Eingangspforte. Im Inneren setzt sich die protzige Geschmacklosigkeit fort: Brauner Marmor, goldene Geländer, goldene Rolltreppen, künstliche Pflanzen, künstlicher Wasserfall. Hässlich und faszinierend zugleich. Und für eine Besinnungspause mit Starbucks-Kaffee bei schummriger Beleuchtung allemal zu empfehlen.

Lieber Pomp à la Trump als Schlange stehen für überbewertete Mode.

Wieder auf der 5th Avenue. Das ist das New Yorker Tempo, von dem so oft die Rede ist, vor dem jeder Respekt hat. Da gilt es präzise einen Fuß vor den andern zu setzen, keine unmotivierten Schlenker zu machen und auf keinen Fall stehen zu bleiben. Das Tempo, die Geräuschkulisse, der schreienden Fassaden – das alles wird mir schnell zu viel. Shopping interessiert mich nicht. Ich möchte meine Zeit keinesfalls zwischen Kleiderständern und Schuhkartons verbringen. Deshalb biege ich irgendwann links ab, erreiche die parallel verlaufende Madison Avenue, bummele ein Stück entlang. Die Madison Avenue ist heute noch der Inbegriff für Amerikas Werbeindustrie, auch wenn viele der großen Agenturen inzwischen weggezogen sind. Aus dem Straßennamen leitet sich die Bezeichnung „Mad Men“ für Werbeschaffende ab. Würde mir einen Block weiter Don Draper, der Titelheld der gleichnamigen Fernsehserie entgegenkommen, es würde mich nach der Begegnung mit Udo Jürgens nicht mehr wundern.

1861 siedelten sich die ersten Werbeagenturen an der Madison Avenue an. Die Serie „Mad Men“ spielt in den 1960er-Jahren.

Kreuz und quer verläuft mein Weg. Während das Sich-Treiben-Lassen im Park glücksbringend war, fühle ich mich in der Hochhausschlucht ohne Plan völlig verloren. Schließlich fasse ich den Entschluss, das Museum for Modern Art anzusteuern. Lust auf einen Museumsbesuch habe ich zwar nicht, aber ich weiß, dass freitagnachmittags ab 16 Uhr kein Eintritt verlangt wird. Bei 25 Dollar regulärem Preis ist das ein schlagendes Argument. Die Schlange ist lang, aber es geht zügig voran und die Besuchermassen verteilen sich auf den sechs Etagen besser als erwartet. Ich konzentriere mich auf die Sektion „Zeitgenössische Galerien (1980 bis heute)“ und treffe dort auf allerhand Kunst aus Deutschland, die ich in dem Umfang nicht erwartet hätte. Besonders freue ich mich über die Begegnung mit Werken von Martin Kippenberger. Martin and me at the Moma. Das bringt mich dazu, etwas zu tun, das ich eigentlich gar nicht mag: Ich bitte einen Fremden, ein Foto von mir zu machen – neben der Skulptur des 1953 geborenen und 1997 viel zu jung verstorbenen Kölner Künstlers. Auf Englisch spreche ich einen jungen Mann an. Er antwortet auf Deutsch. Peinlich berührt grinse ich neben der Skulptur „Martin, Into the Corner, You should be Ashamed of Yourself“ von 1992 in die Linse meiner eigenen Kamera. Wie passend! Anschließend nehme ich mir in Etage 3 die Sektion „Fotografie“ vor, gefolgt von der Sonderausstellung, die sich mit der von mir geschätzten Cindy Sherman beschäftigt. Großartig, alles, aber noch mehr kann ich beim besten Willen nicht aufnehmen.

Im Erdgeschoss drängeln sich die Besucher, die alten Meister sind begehrt, doch bei der Zeitgenössischen Kunst hält sich der Anstrum noch in Grenzen.  Foto: Anthony Starks/flickr cc

Es fängt an zu dämmern als ich das Museum verlasse. Die 6th Avenue, besser bekannt als Avenue of the Americas, ein paar Block hinunter, erreiche ich den Bryant Park. Er wurde mir von einem Freund ans Herz gelegt: „Hier kannst du Ruhe finden, einen Kaffee trinken, das Treiben beobachten und die Geräuschkulisse belauschen.“  Und wirklich: Der kleine Bryant Park ist eine echte Oase inmitten von Hochhäusern mit Blick auf das Crysler und Empire State Building. Er liegt direkt hinter der Public Libary. Rundherum haben sich zahlreiche Hotels angesiedelt. Am Rand der Wiese sind kleine Sitzgruppen verteilt. Einfache Klappstühle mit runden Tischen aus grünem Metall als Einladung an die Besucher. Ich lasse mich nieder. Und lausche der Stadt. Aber nicht lange. Denn dann gesellt sich ein älterer Mann zu mir. Ich schätze ihn auf Ende Sechzig. Seine Kleidung ist schlicht, aber gepflegt. Ein dünner Bart zieht seine Oberlippe. Er beginnt ein Gespräch, fragt, woher ich komme. Ich gehe zögerlich darauf ein. Ehe ich mich versehe, bin ich mittendrin in der Geschichte seines Lebens. Ich verstehe nur einen Bruchteil der in rasendem Tempo vorgetragenen Anekdoten und bevor ich etwas sagen kann, verabschiedet er sich. Es dauert einige Minuten, bis ich auf die Idee komme, nachzusehen, ob mein Portemonnai noch da ist. Als ich es nicht sofort entdecke, wird mir heiß und kalt. Nach kurzem Wühlen jedoch erweist sich der Verdacht als falsch. Der Mann wollte mir nichts wegnehmen, im Gegenteil: Er wollte etwas loswerden.

Oase der Ruhe im quirligen Midtown: der Bryant Park.

Inzwischen ist es dunkel. Ich laufe die am Bryant Park angrenzende 42nd Street in Richtung Grand Central Station. Der erwartete Überschwang beim Anblick der Marmortreppe im Bahnhofsinneren, die in Filmen so oft und gerne in Szene gesetzt wurde, bleibt aus. Es ist derselbe Effekt wie bereits einige Stunden zuvor am „Sex and the City“-Brunnen. Das Ganze wirkt viel unspektakulärer als gedacht. Schön ist das Gebäude zweifellos, aber eben nicht so wie im Film. Oder liegt es an mir? Mein Aufnahmekapazität ist hart an der Grenze angelangt. So viele Eindrück an einem einzigen Tag! Im Apple Store logge ich mich kurz ins Internet ein. Ich möchte mit Dirk in Kontakt treten. Er lebt als Fotograf in New York. Ich kenne ihn bislang nur virtuell, aber das soll sich jetzt ändern. Dirk ist gerade online und eine Verabredung für den nächsten Tag schnell getroffen. Auf dem Heimweg noch ein kurze Abstecher an den Times Square, weil ich dort ohnehin umsteigen muss, sorgt für wenig Begeisterung. Ich will jetzt nur noch eines: nach Hause ins Upper West End. Und genau da passiert es: anstelle eines „Local Trains“ erwische ich einen „Express“, der nur an jeder 5. Station anhält. Ehe ich es realisiere, bin ich zu weit gefahren, muss umsteigen und etliche Stationen zurück, diesmal mit einem Zug, der überall anhält. Als ich an diesem Abend Simones Wohnung betrete, falle ich sofort ins Bett.

Die Grand Central Station wirkt zwischen den Wolkenkratzern wie ein Schmuckkästchen, das aus Versehen stehen gelassen wurde. Im Inneren funkeln von der hohen Gewölbedecke nachts künstliche Sterne. Am Times Square leuchtet die Reklame Tag und Nacht.

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9 Kommentare

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9 Antworten zu “Ich war noch niemals in New York (5)

  1. Toll, bin schon gespannt auf Teil 6! Ich kann das alles nur unterschreiben, diese ganze Hektik rund um 5th und Madison Avenue z.B., ich hab das als wahnsinnig stressig empfunden, als ich 2007 zuletzt da war (schon wieder fünf Jahre her!). Mit 26, als ich das erste Mal da war, fand ich das faszinierend und hab gedacht, dass ich da gern leben wollte, aber heute? Nie und nimmer! Das mit dem Express Train ist uns beim ersten Mal in New York auch passiert (hier: http://stellamattexte.blogspot.se/2012/05/reportage-new-york-allegra-1998.html) und ich habe den Verdacht, dass es mir wieder passieren würde.

  2. liebe anke, ich hatte ja länger nichts mehr von dir gelesen, leider, wie ich jetzt finde! ich war noch niemals in new york gefällt mir richtig gut und durch die anderen beiträge werde ich mich auch noch durcharbeiten. tut sehr gut !!! danke und ich freu mich auf teil 6 ! andrea

  3. Sabine S. aus R.

    Liebe Anke, „Martin and me at the moma“, ein mysteriöser Mann und seine „Geschichte“ und zuletzt noch den falschen Express, da wär ich auch fertig ins Bett gefallen. Freue mich schon auf das Treffen mit Dirk.

  4. Ich auch. Also, ich freu mich auch auf die Begegnung mit Dirk. Das mit dem Vollquatschen auf irgendwelchen Bänken ist mir auch schon passiert, in Brooklyn, in Paul-Auster-Land quasi. Kein Wunder, dass er immer auf solche Geschichten kommt. Da fällt mir ein, ich wollte Dich die ganze Zeit schon fragen, ob Du Austers „Moon Palace“ kennst/gelesen hast. Das würde Dir nämlich nach Deinen Abenteuern in New York ganz bestimmt gefallen!

  5. Vielen Dank an alle fürs Lesen und die schönen Kommentare.
    Und danke Stella für den Buchtipp. „Moon Palace“ kenne ich noch nicht. Auftritt Dirk in Teil 6. Bitte bleiben Sie dran :-)

  6. So weit ich weiß, waren z.B. auch viele DDR-Bürger enttäuscht als sie zum ersten Mal auf den Kuhdamm konnten. Die Realität kommt an in TV und Kino weitwinkelig gezeigte Bilder und die menschliches Fantasie einfach nicht ran.

    Als ich in den 90er zum ersten Mal in New York war, ging es mir vor allem mit dem Broadway und der Wallstreet so.

    Richtig geschockt haben mich Arbeitsplätze in den Wolkenkratzern. Kleine Waben in Räumen ohne Fenster für teils hochqualifizierte Menschen. Die hatten auch ihren Mr. Big. Den haben sie entweder bewundert oder verachtet für seinen weitläufiges Chefbüro mit freier Sicht über die halbe Stadt…

  7. @Gugyno: Ich denke das kommt auch zum Teil auf die Erfahrungen an die man an den Orten dann macht… Klar, dass die Blickwinkel schon bewusst gewaehlt werden um bestimmte Gefuehle zu erzeugen… Dann wird (hoffentlich) noch auf das richtige Licht gewartet oder nachgeholfen… Kommt dann noch ne gute Story und unterstuetzende Musik dazu, ist das schwer zu toppen bei einem normalen Besuch bei treubem Schmuddelwetter… Was die Arbeitplaetze angeht gebe ich Dir recht! Ueberhaupt alles was hinter den Kulissen abgeht (Lastenaufzuege, etc.) macht den Traum schnell kaputt… ;)

  8. Hinter die Kulissen zu schauen, ist bei einem kurzen Besuch natürlich nicht gegeben. Und, na ja, eigentlich möchte man sich als Tourist auch lieber den Schönheiten hingeben.

    Mir ging es bei den Sehenswürdigkeiten, die man in Filmen und auf Bildern schon zigmal gesehen hat, entweder so, dass sie mir vergleichsweise „klein“ erschienen – oder ein Achselzucken verursachten, nach dem Motto „Ja klar, kenne ich“. Erstaunliches liegt vielmehr in Nebensächlichkeiten und Details oder im (bislang) weniger bekannten, z.B. hat mich die High Line sehr begeistert, nie vergessen werde ich das U-Bahn-Fahren zur Rush Hour. Um nur zwei von vielen Dingen zu nennen.

  9. crtadqvprggmail

    Great article… NYC is arguably one of the best tourist destinations in US… New York City has a lot to offer when it comes to entertainment. Another thing to mention is the amazing nightlife the city has to offer. I would no doubt suggest NYC to anyone that wants to enjoy in a vibrant city…

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