Ich war noch niemals in New York (6)

Am Esstisch in Simones Wohnung sitze ich, mit der zweiten Tasse Kaffee, und fühle mich wohl. Kein Frühstücksraum, auch nicht im teuersten Hotel der Stadt, könnte so ein entspanntes Gefühl hervorrufen. Zumal ich die Wohnung wieder für mich ganz alleine habe. Die Mädels aus Kiel habe ich nur noch kurz gesehen. Sie wollen Räder leihen und einen Ausflug nach Brooklyn machen. Mit dem Rad über die Brooklyn Bridge. Ein guter Plan. Gastgeberin Simone geht jeden Morgen gegen acht aus dem Haus. Sie arbeitet in einem Redaktionsbüro, das die Regenbogenpresse in Deutschland mit Themen beliefert, bis spät in den Abend.

Ich blättere im New Yorker Stadtmagazin Time Out, notiere mir die Termine einiger Konzerte, die ich während meines Aufenthalts besuchen könnte. Die Wahrscheinlichkeit alleine hin zu gehen, ist gering, aber Aufschreiben kann ja nichts schaden. Als sie Sonne hervorkommt, zieht es mich wieder in den Central Park. Ich laufe zum nahe gelegenen Harlem Meer, wo ich mich auf einer Bank niederlasse. Die Luft ist noch kalt, aber die Sonne wärmt angenehm. Während ich aufs Wasser schaue, lausche ich dem Gespräch eines Pärchens, das auf der Bank neben mir Platz genommen hat. Sie reden über den vorigen Abend, den sie in einer Bar verbracht haben und lästern über die Freunde, die dabei gewesen sind. Die beiden sind schätzungsweise Anfang zwanzig, Afroamerikaner, in Jogginghosen und Sweatjacken, mit Chucks und und modischen Frisuren. Man könnte sie jetzt und hier, auf der Parkbank vor authentischer Kulisse, genau so wie sie sind, für ein Jugendmagazin oder einen Streetwear-Modeprospekt ablichten. Das Mädchen lächelt in in einem fort, kichert, während der Junge markige Sprüche macht, die ich leider oft nur halb verstehe. Dennoch lache ich innerlich die ganze Zeit mit und bin richtig traurig als das Paar Hand in Hand weiter seines Weges zieht.

Harlem Meer, eine von sieben Wasserflächen, am nord-östlichen Ende des Central Parks gelegen. Das angrenzende Lasker Pool Freibad öffnet im Juni.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, an diesem Vormittag Harlem zu erkunden: die Gegend um die 125ste Straße mit dem berühmten  Apollo Theater wo einst Jazzgrößen wie Luis Armstrong und Ella Fitzgerald auftraten neben Soul-Ikonen wie Diana Ross und James Brown – und die Weltkarriere von Michael Jackson ihren Anfang fand. Die Zeiten, in denen es gefährlich war, sich als Tourist, insbesondere mit heller Hautfarbe, in dieser Gegend alleine zu bewegen, sind vorbei. Zumindest tagsüber, so habe ich es gelesen, könne man ohne Bedenken auf eigene Faust eine Tour unternehmen. Aber ich kann mich einfach nicht aufraffen. Mittlerweile ist die Zeit auch schon zu knapp für eine Harlem Tour. Um fünfzehn Uhr treffe ich Dirk. Ich bleibe noch eine Weile im Park, bevor ich mich auf den Weg Richtung Downtown mache. Für das Treffen habe ich den Washington Square Park vorgeschlagen, weil dort heute das „Dachshund Festival“ stattfinden soll. Ein Fest für Freunde des deutschen Dackels, von denen es in New York angeblich eine große Anzahl geben soll. Zweimal im Jahr findet das Dackelfest statt. Auf den Termin war ich während meiner Reisevorbereitungen gestoßen.

Eine gute Stunde zu früh komme ich in Greenwich Village an und laufe eine Runde durch das Viertel. Für viele ist es neben Soho, East Village, Chealsea, Nolita, West Village und Tribeca, die fließend ineinander übergehen, der place to be in New York. Es gibt unendlich viele kleine, feine Mode-, Design- und Plattenläden in dieser Ecke, außerdem Galerien und nette Cafés und Bars. Ehrfürchtig stehe ich vor dem legendären Blue Note Jazz Club, bummele an Schaufenstern entlang, schaue in Cafés hinein und gönne mir schließlich in einer offensichtlich angesagten Eisdiele zu einem horrenden Preis zwei vorzügliche Kugeln Eis. Umgerechnet fast fünf Euro für zwei relativ normal große Kugeln, in New York kein ungewöhnlicher Tarif. Gegenüber der Eis-Diele, vor der die Schlange jetzt noch länger geworden ist, entdecke ich dieselbe Band, die ich am Vortag bereits vor dem Metropolitan Museum of Arts gesehen habe: „Acapella Soul“. Ein ziemlich unglaublicher Zufall, wie ich finde. Ich höre gerne noch einmal zu und werfe den obligatorischen Dollar in den Hut, ein für Straßenmusik allgemein beliebter Tarif. Im Gitarrenkoffer bilden die Scheine bereits einen kleinen Berg. Je näher es auf fünfzehn Uhr zugeht, desto nervöser werde ich in Anbetracht des bevorstehenden Termins – und das, obwohl es sich nicht einmal ein Blind Date im klassischen Sinne handelt.

Am Washington Square Arch, einem Triumphbogen aus weißem Marmor, dort wo die 5th Avenue auf den Park trifft, sind wir verabredet, in zwanzig Minuten. Mit einer Breite von 100 und einer Länge von 300 Metern ist der an der New York University gelegene Washington Square Park verglichen mit dem Central Park ein echter Winzling; doch ist er ebenso bekannt. Seit den 40ern ist er ein Treffpunkt für Musiker. Anfang der 60er hat Bob Dylan hier gespielt. Es gab immer wieder Probleme mit der Stadtverwaltung wegen der Lautstärke. 1961 kam es sogar zu einem „Beatnik-Aufstand“, als die Polizei das Musizieren untersagen wollte. Noch heute dient der Park im Herzen von Downtown weniger der Erholung als der Unterhaltung. Das kreisrunde Becken des Brunnens, in dem im Sommer die Kinder platschen, ist trocken gelegt die ideale Bühne für Kleinkünstler. Dicht gedrängt stehen die Menschen darum und verfolgen ein komödiantisches Trommel-Spektakel. Überhaupt ist an diesem Samstag jede Menge los im Park. An mehreren Ecken spielen Bands. Keine Spur jedoch vom Dachshund Festival. Ein Grüppchen Dackel-Herrchen und –Frauchen, entdecke ich schließlich und frage, ob das Fest schon vorbei sei. Völlig entgeistert schauen sie mich an und wenden sich sogleich wieder ab. Ich lasse es gut sein.

Washington Square Park. Foto: Jean-Christophe Benoist/wikipedia

Am verabredeten Platz gehen Dirk und ich lächelnd aufeinander zu, so als würden wir uns längst kennen. Ein bißchen stimmt das ja auch. Anhand der Facebook-Profile haben wir etwas übereinander erfahren und ein paar E-Mails haben wir auch bereits ausgetauscht. Nun stehen wir uns gegenüber und fangen an zu reden. Dirk lebt seit 13 Jahren in New York. Ursprünglich stammt er aus Velen im Münsterland. In die Stadt gekommen ist er, um als freier Fotograf für deutsche Medien zu arbeiten und vermutlich auch ein bißchen wegen des amerikanischen Traums.  If you can make it there… Gefunden hat er darüber hinaus die große Liebe. Ohne sie wäre er vielleicht eines Tages zurückgekehrt. Aber nun wird er in New York bleiben, vielleicht für immer. Obwohl das Überleben in dieser teuren und schnell drehenden Stadt nicht immer leicht ist. Dafür ist jeder Gang durch die Straßen Inspiration für den Fotografen. Für seinen Blog Emotive Pixelations fängt er den Alltag ein, insbesondere in der New Yorker Subway. Unsere Unterhaltung gestaltet sich zunehmend unverkrampft. Mein Lampenfieber ist wie weggeblasen. Genauso wie das Dachshund Festival inzwischen in Vergessenheit geraten ist. Wir beschließen, einfach loszulaufen. Dirk hat einen Weg im Sinn. Und ich genieße es, an seiner Seite zu gehen und die Orientierung abzugeben.

Advertisements

14 Kommentare

Eingeordnet unter Reisen

14 Antworten zu “Ich war noch niemals in New York (6)

  1. Théo

    Reblogged this on Théo and commented:
    Ach, New Yor…. irgendwann. Tolle Fotos, toller Bericht

  2. Danke Théo :-)
    Ge-re-bloggt wurde ich noch nie.
    Ich kann nur sagen: Flieg, wenn du kannst!

  3. Deine Kolumne ist sehr schoen geschrieben, wie ich finde! Ich bediene nicht nur die Yellow Press, aber das ist schon ok so.

  4. Schön! Bin erst jetzt dazu gekommen, den ganzen Eintrag zu lesen (und freu mich natürlich schon auf den nächsten). Ich wurde heute übrigens auf flattr.com aufmerksam gemacht, so ein Button würde Deinem Blog auch stehen. Ich würde Dir jedenfalls ganz sicher „schmeicheln“.

  5. Herzlichen Dank, Simone!
    Ebenso herzlichen, Dank Stella!

    flattr…. ja… ach nein, eher nicht. papierschiffchen zu produzieren, ist mein Hobby. Ich freue mich über alle, die mit an Bord gehen. Motto: Be my guest!

    Vom Schreiben kann ich nicht leben. Und den Entschluss, aufzuhören, dies zu betrauern, empfinde ich als sehr erleichternd. Es gibt andere Gründe, es weiter zu tun… Der Wichtigste: Ich könnte es nicht lassen :-)

  6. Bei mir wurde so ein Button ausdrücklich gewünscht – wodurch ich überhaupt erst von Flattr erfahren hab – und warum nicht? Ausprobieren schadet doch nicht. Mich interessiert, ob so was funktioniert bzw. ob das überhaupt jemand macht. Daran, davon zu leben, denk ich dabei gar nicht, ich vermute mal, da kommen maximal ein, zwei Euro im Monat zusammen, wenn überhaupt. Ich habe jedenfalls direkt ein kleines Guthaben aufgeladen, um es zu verteilen. Leider haben die Blogs, die mir gefallen, bis jetzt keine Buttons.

  7. Théo

    Ich flöge wenn ich könnte. Alleine schon um mal das Gefühl zu erleben, in den Kulissen meiner Lieblingsfilme zu wandeln. Aber, ach, das Geld. Muss wohl noch ein paar Bücher schreiben…

  8. So, nun habe ich den Reisebericht endlich auch gefunden. Wunderbar! Ich habe ihn mit sehr gemischten Gefühlen zu lesen begonnen; ich war viel zu oft allein in New York. Aber Dein Bericht zeigt die schönen und spannenden Seiten — gut, auch mal wieder an diese zu denken.
    (Es scheint vieles gleich geblieben zu sein; ein paar Dinge haben sich aber offenbar sehr verändert. 25 Dollar Eintritt fürs MoMA? I’m shocked.)

  9. Vielen Dank fürs Lesen und das Lob. Freut mich. Und erinnert mich daran, dass es hier allmählich auch mal weitergehen sollte :-)
    Ja, 25 Euro! Überhaupt ist New York wahnsinnig teuer. Das geht weit über die Schmerzgrenze hinaus.
    Warum warst du denn „viel zu oft alleine in New York“. Klingt spannend. Erzähl mal!

  10. Geht’s noch weiter? Das wäre fein!
    »Mein« New York ist schon über zehn Jahre alt; damals war’s noch nicht so affig teuer. Der Liebste wohnte in Manhattan, und ich bin ein paar Jahre gependelt. Weil er mehr Arbeit hatte, als gut für ihn war, hatte ich viel freie Zeit. Das war auch schön, aber ich habe es der Stadt nie so ganz verziehen, daß sie ihn mir weggenommen hat.
    Kennst Du eigentlich Abstract Sunday?

  11. Schöner Ausdruck für eine nicht so schöne Erfahrung: „… ich habe der Stadt nie so ganz verziehen, dass sie ihn mir weggenommen hat.“
    Abstract Sunday – kannte ich noch nicht. Aber der Namen Christoph Niemann sagt mir was… Kombiniere: Er ist eben jener…?!
    Trotz bitterer Erinnerung muss es eine tolle Zeit gewesen sein.

  12. Was? Neinnein! Der Liebste hat dort Medizin studiert und lebt schon lange nicht mehr.
    (Mit Christoph Niemann würde ich mich allerdings gern mal unterhalten. Seine Geschichten sind so nachvollziehbar.)

  13. Ich hab es auch missverstanden. Aber was für spannende Unterhaltungen hier entstehen, klasse!

  14. Das stimmt. Kommentarspalten sind toll. Das ist ein Vorteil von Blogs gegenüber Gedrucktem.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s