Schlagwort-Archive: Coney Island

Ich war noch niemals in New York (9)

Kaiserwetter in New York am 30. April 2012. Stahlblauer Himmel ohne Wolken, frühsommerliche Temperaturen. Ich verwerfe den eigentlichen Plan, das P.S.1 zu besuchen. Das Museum, ein Ableger des Museums of Modern Art, gilt als heilige Halle der Gegenwartskunst, abgelegen in Queens angesiedelt, doch mit spektakulärem Ruf. Dort läuft gerade eine Ausstellung, die sich mit dem Werk der deutschen Elektro-Musik-Pioniere Kraftwerk beschäftigt. Anfang April gab die Gruppe im MoMA eine Reihe von acht Konzerten, die als großes Ereignis gefeiert wurden. Die begleitende Ausstellung im P.S.1 klingt vielversprechend. Aber an diesem Tag fällt mir der Verzicht leicht. Ich will lieber ans Meer.

Von Manhatten an den Strand gelangt man mit der U-Bahn. Ich steige an der Upper West Side in die Bahn, steige einmal um und nach rund einer Stunde bin ich da. Nimm die Linie B oder Q nach Brighton Beach und laufe dann zu Fuß die Promenade entlang bis Coney Island. Von dort gehen mehrere Linien zurück, hatte mir ein Freund geraten. Als ich aussteige, bin ich orientierungslos. Ich gehe eine befahrene Straße entlang, die von einer Strahlkonstruktion überbaut ist. Links und rechts sind Geschäfte, die Bordsteine voller Menschen. Es ist laut und bunt. Als ich das Straßenschild „Brighton Beach Avenue“ entdecke, biege ich ab. In wenigen Minuten habe ich die Küste erreicht. Mitten aus der größten Hektik direkt in den Urlaub.

Trotz des herrlichen Wetters ist der Strand verlassen. Es ist Montag. Die Saison hat noch nicht begonnen. Die meisten Cafés und Läden sind geschlossen. Schmucklose Gebäude und etliche Hochhäuser säumen die Promenade. Ich gehe ans Wasser, setze mich in den feinen hellen Sand und schaue hinaus. Die Luft ist kühl. Grelle Mittagssonne. Ich kneife die Augen zusammen. Ein paar Schiffe sind am Horizont zu sehen. Möven fliegen durcheinander. Wie gerne hätte ich in diesem Augenblick einen vertrauten Menschen neben mir. Den Moment teilen, gerne schweigend, aber gemeinsam erleben. Die Wehmut des Alleinereisens. Sie macht sich immer wieder breit. Und hat einen eigenen Reiz. Ich lasse den feinen Sand durch meine Hände rieseln, schaue weiter aufs Meer. Für den Abend habe ich eine Verabredung, mit Dirk. Was wirklich fehlt, ist eine Sonnenbrille.

P1040947_Anke SteinfadtP1040952_Brighton Beach_Anke SteinfadtP1040963_Brighton Beach_Anke SteinfadtP1040965_Brighton Beach_Anke SteinfadtP1040969_Brighton Beach_Anke SteinfadtP1040970_Brighton Beach_Anke Steinfadt

Die Promenade zwischen Brighton Beach und Coney Island ist ein hölzerner „Boardwalk“. Er wirkt, genauso wie die Restaurants und Läden, als hätte er die besten Zeiten schon lange hinter sich. Weniger freudlich ausgedrückt: Das Ganze ist reichlich heruntergekommen. Vom „morbidem Charme“ ist oft die Rede. Wenige Menschen bummeln ziellos herum. Nach und nach fällt mir auf, dass die Wortfetzen, die ich im Vorbeigehen aufschnappe, nicht amerikanisch sind, sondern russisch. Ich wundere mich. Später erfahre ich, dass sich in den Wohnblöcken von Coney Island und Brighton Beach von je her hauptsächlich sowjetische Einwanderer jüdischer Abstammung niedergelassen haben. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gab es eine neue Zuzugswelle. Der größer werdende Einfluss russischer Familien hat der Gegend den Spitznamen „Little Odessa“ eingebracht.

P1040974_Coney Island_Anke SteinfadtP1040979_Coney Island_Anke SteinfadtP1040972_Brighton Beach_Anke Steinfadt

An Sommerwochenenden strömen bis zu einer halben Millionen Menschen an den Strand. Zusätzliche Attraktionen sind das New York Aquarium und der Vergnügungspark. Sein Areal ist vergleichsweise klein und auch das  Riesenrad besticht mehr durch seinen Wiedererkennungswert als durch Größe. Der in den 1880er Jahren errichtete Park hatte  in den 1950ern eine ähnliche Bedeutung wie heute Disney Land. Ich stelle mich an den Zaun. Auf dem Gelände werden Instandhaltungsarbeiten verrichtet. Es dauert nur noch ein paar Tage bis das bunte Treiben beginnt, wie bereits seit 130 Jahren.

Es gibt noch eine weitere Attraktion, die Coney Island zugeschrieben wird. Die Hot Dogs sollen hier erfunden worden sein. „Nathan’s“ ist ihre Geburtsstätte. Enttäuscht stehe ich auf der Promenade vor der geschlossenen Bude mit dem geschwungenen Schriftzug. Kurz darauf, auf dem Weg zur Metro-Station Coney Island, eröffnet sich vor mir ein weiteres „Nathan’s“. Das Haupthaus des legendären Imbis ist geöffnet. Die Bude am Strand nur ein Ableger. Es werden neben Hot Dogs auch Hamburger und „Seafood“ angeboten. Ich bleibe beim Klassiker, bestelle dazu eine Cola. Das muss sein. Mit der Fast-Food-Tüte laufe ich zurück zur Promenade und setze mich auf eine Bank. Eine amerikanische Snackpause wie aus dem Bilderbuch.

P1040996_Coney Island_Anke SteinfadtP1040989_Coney Island_Anke SteinfadtP1040995_Coney Island_Anke SteinfadtP1050002_Nathan's_Coney Island_Anke SteinfadtP1050011_Coney Island_ Nathan's_Anke SteinfadtP1050004

7 Kommentare

Eingeordnet unter Reisen