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Der Abend an dem ich mein Herz an Peter Uhnemann verlor

Als mein Freund Egg mich fragte, ob ich mitgehen wolle, zur Titanic Boygroup, sagte ich sofort YEAH! Als er mich später darüber aufklärte, dass es nicht um flotte Popmucke ehemaliger Teeniestars gehen würde sondern um gemeine Satire von Ex-Chefredakteuren der Zeitschrift Titanic, wollte ich wieder abspringen. Doch da war es zu spät. Egg hatte die Tickets bereits besorgt. Glücklicherweise, muss ich rückblickend sagen.

Wir gingen also hin. Keine Musik, keine Shiny Happy People, sondern satirische Wortbeiträge und ein alters- und gesinnungsmäßig eher undefinierbares Publikum. Entgegen meiner Befürchtung gefiel es mir jedoch richtig gut, abgesehen von den vor Klischees strotzenden, primitiven Reimereien von Thomas Gsella. Jedes Mal, wenn er etwa vorlas, schauten Egg und ich uns mit rollenden Augen an und nahmen einen Schluck aus dem Flachmann, den ich sicherheitshalber mitgebracht hatte, falls das Ganze nüchtern nicht zu ertragen gewesen wäre. Die Vorträge von Martin Sonneborn waren von Filmeinspielern untermalt, die von Oliver Maria Schmitt mit Fotos, grandios, da gab es allerhand zu lachen und keine Ausfälle zu beklagen.

Und dann, irgendwann im Laufe des Abends, stellte Oliver Maria Schmitt, der zurzeit auch als Bürgermeister für Frankfurt am Main kandidiert, uns Peter Uhnemann vor. Er erzählte, dass Peter als Strohmann bei Facebook arbeitet, ursprünglich um den mittlerweile abgewählten baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) als Facebook-Freund zu gewinnen und öffentlich vorzuführen. Die Geschichte hat mich sehr beeindruckt. Ausführlich zu lesen ist sie hier. Nachdem ich alles gehört hatte, war ich hin und weg. Was für ein toller Typ, dieser Uhnemann Peter, murmelte ich fortwährend, bis Egg sich die Ohren zuhielt. Dass er zu jung für mich ist und in Wirklichkeit gar nicht existiert, davon ließ ich mich gar nicht beirren.

Kaum Zuhause schickte ich ihm eine Freundschaftsanfrage, begleitet von liebevollen Zeilen. Bald darauf nahm er mich zur Freundin. Er schrieb sehr herzlich zurück, lud mich nach Gera ein, sagte, er wolle mit mir Busfahren und Eis essen bis der Arzt kommt. Wir schrieben hin und her, öffneten unsere Herzen und vertrauten uns schlimme Geheimnisse an. Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an eine Beziehung mit Peter Uhnemann. Zwar sind etliche meiner virtuellen Beziehungen und sogar schon eine virtuelle Ehe gescheitert, aber diesmal, diesmal wäre es anders.  Momentan übernachte ich  in Facebook, um kein Lebenszeichen von Peter zu verpassen. Jedes Mal, wenn das Briefkastensymbol leuchtet, klopft mir das Herz bis zum Hals. Ich dürfte es eigentlich nicht sagen, aber ich kann es nicht länger für mich behalten: Seit ein paar Tagen bin ich mit Peter Uhnemann in einer Beziehung. Heimlich. Peter Uhnemann gefällt das. Ich bin so glücklich. Herr S. weiß natürlich nichts davon. Das soll auch so bleiben.


Foto: Presse Titanic Boy Group

Peter Uhnemann und die Titanic Boygroup sind derzeit auf Abschiedstournee. Bis zum Jahresende gibt es noch allerhand  Termine.

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Eingeordnet unter Fiktives im Alltag, Netzleben, pop/kultur

Stell mich um wohin du willst

Es hat lange gedauert, aber inzwischen habe ich aufgehört, mich über Neuerungen zu ereifern, die Internetportale ihren Benutzern ungefragt aufdrängen. Sie tun es regelmäßig und genauso regelmäßig müsste ich mich weiter aufregen. Bei der letzten Facebook-Profil-Umstellung vor ungefähr einem halben Jahr beschwerte ich mich noch per Statusmeldung über die neuen Funktionen; richtig genervt war ich, dass man sich schon wieder an neue Masken und Menüpunkte gewöhnen musste. Ich geriet in Rage, weil es nicht das erste Mal war. Bevor Facebook mein virtuelles Zuhause geworden war, hatte ich meinen Hauptwohnsitz bei MySpace – und dort nach mehreren Umstellungen, die zur totalen Unbedienbarkeit geführt hatten, eines Tages verzweifelt das Weite gesucht.

Bei Facebook soll demnächst die sogenannte „Chronik“ zur Pflicht für alle werden. Bislang wird sie – auch das kennt man schon – als freundliches Angebot zur freiwilligen Entscheidung lanciert, bis am Tag X die Zwangsumgestellung kommt. Für mich, nach allem was hinter mir liegt, keine sehr schockierende Tatsache mehr. Als Benutzerin von Sozialen Netzwerken und anderen kostenlosen Internetangeboten wie web.de und Ebay bin ich es inzwischen gewohnt, mich permanent mit neuen Layouts und neuen Funktionen herumschlagen zu müssen. Natürlich hasse ich es, besonders die Überprüfung der Privateinstellungen auf der Suche nach hinterlistigen Attaken der Betreiber. Das ist so unglaublich lästig. Sich darüber aufzuregen jedoch, ist die pure Energieverschwendung. Schonender für die Nerven ist es, einen gewissen Zangserneuerungsopportunismus an den Tag zu legen.

Deshalb sage ich mir diesmal: Lass‘ kommen, die verdammte Chronik. Den Mist werde ich auch noch überleben. Allerdings wird der Frieden, den ich mit dem Erneuerungszwang gemacht habe, nun gestört von den Beschwerden, die ununterbrochen auf meiner Neuigkeitenleiste vorübertickern. Ein Motiv wird bis in die Unendlichkeit dupliziert. Ein Facebook-User hat es erstellt. Es ist nicht sehr originell, aber sehr beliebt. Kaum hochgeladen, wurde es über 20.000 mal geteilt, also von anderen Nutzern als Neuigkeit verbreitet. Der Zähler steigt im Minutentakt.

Dem Protestbutton ist eine Botschaft beigefügt: IN KÜRZE MACHT FACEBOOK DIE NEUE CHRONIK ZUR PFLICHT FÜR ALLE. WENN DU AUCH DAGEGEN BIST UND DEIN ALTES PROFIL BEHALTEN WILLST, ZEIG ES, IN DEM DU DIESE NACHRICHT TEILST! Natürlich wird die Anti-Chronik-Aktion nichts bewirken und die Gemüter werden sich wieder beruhigen. Sicherlich wird, kaum dass sich alle mit der aufgezwungenen „Chronik“ abgefunden haben, eine neue Änderung kommen. Gefolgt von ihrendeinem albernen Protest-Button zum großzügigen Teilen. Es ist der ewige Kreislauf des virtuellen Lebens.

 

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Eingeordnet unter Netzleben

Borderline-Journalismus, Tom Kummer & ich

Mit Bestimmtheit kann ich gar nicht sagen, ob ich jemals einen Artikel des Skandal-Reporters Tom Kummer gelesen habe. Ich würde eher sagen Nein; und wenn überhaupt, dann nicht bewusst. Es liegt wohl daran, dass ich Zeitungs-Interviews mit Hollywood-Stars generell kaum beachte. Weil ich weiß, dass diese – durch  Bildagentur-Fotos zu Doppelseiten aufgeblasenen – Interviews zumeist innerhalb von zehn Minuten in Hotelzimmern entstanden sind. Die Stars geben Journalisten, die in Gruppen durchgeschleust werden, die immer gleichen Antworten, fast ausschließlich auf Fragen zu dem Produkt, das gerade verkauft werden soll (neuer Film, neues Buch, neue CD etc).

Ich habe in diesem PR-Betrieb selbst schon verschiedene Rollen gespielt. Die Presseagentin, die ab der neunten Minute anfängt, mit dem Zeigefinger auf die Uhr zu tippen; ebenso wie die Fragestellerin, die beispielsweise mit Patrick Stewart und Brent Spiner (alias „Captain Jean-Luc Picard“ und „Data“), sowie neun Journalisten-Kollegen am Tisch eines Konferenzraum in einem Nobelhotel sitzt und Antworten auf Fragen notiert, die andere stellen, neben der EINEN Antwort auf die EINE Frage, die man selbst stellen darf.

Doch zurück zu Tom Kummer, dem Schweizer(!) Erfinder des so genannten „Borderline Journalismus“. Auf seinen Namen aufmerksam wurde ich erstmals im Mai 2000, nachdem aufgeflogen war, dass er Interviews u.a. mit Sharon Stone, Brad Pitt und Bruce Willis, in denen die Stars unerhört persönliche Dinge von sich preis gaben, allesamt selbst erfunden hatte. Sechzig insgesamt verkaufte er an zeitgeistige Blätter wie Tempo oder das SZ-Magazin. Die Enthüllung der Fälschungen war ein Riesen-Skandal. Die Medienwelt zeigte sich erschüttert und empört. Ich dachte damals nur: Recht hat er, der Tom Kummer, wo ohnehin nichts ‚Echtes‘ geboten wird, ist Fantasie die perfekte Ergänzung.

Nun, ein Jahrzehnt später, bin ich erneut auf seinen Namen gestoßen. Zunächst im Blog der geschätzten Katja Kullmann. Sie berichtet im Eintrag „Reality Check: Tom Kummer schreibt (wieder einmal) über Facebook“ über den aktuellsten Coup, eine im facebook-Kosmos angesiedelte Enthüllungstory, übergriffig, aber nicht wirklich skandalös, die in die Schweizer Zeitschrift „Du“ veröffentlicht wurde. Am Ende des Textes wird die filmische Doku „Bad Boy Kummer“ erwähnt, die derzeit in ausgewählten deutschen Kinos läuft. Der Züricher Miklós Gimes, früherer Vizechef beim Schweizer „Tages-Anzeiger“ und von den Fälschungen seines Landsmannes selbst betroffen, geht darin der Frage nach: „Warum hat Kummer das gemacht?“

Begonnen haben soll die Fälscherkarriere nach einem Interview mit Pamela Anderson. Einer der üblichen Sammeltermine – siehe oben – mit dem Ergebnis, dass im Anschluss langweilige Phrasen auf dem Zettel standen. Weil Kummer trotzdem eine gute Story liefern wollte, reimte er sich selbst Spannendes zusammen. Zur Begeisterung seiner Auftraggeber. Wen interessiert schon der Wahrheitsgehalt, wenn der Artikel eine hohe Auflage verspricht?! Dass die damals verantwortlichen Redakteure sich bis heute als „Opfer“ darstellen, die angeblich nichts wussten, ist mehr als unglaubwürdig.

Der „Fall Kummer“ und seine filmische Aufarbeitung zehn Jahre danach ist vor allem für Medienschaffende von Interesse. Außerdem für in den Sechzigern und Siebzigern geborenen Popjournalismus-Sympathisanten. Selbst gehöre ich beiden Zielgruppen an. Und die Frage, die mich heute besonders bewegt: Warum bin ich nach dem unsäglichen Fließband-Interview mit den Enterprise-Ikonen Mitte der Neunziger nicht selbst auf die Idee gekommen, eine Karriere als „Boderline-Journalistin“ zu starten!? Den Film werde ich mir auf jeden Fall ansehen, wenn nicht im Kino, dann später im Fernsehen. Und mit Tom Kummer bin ich jetzt auf facebook befreundet.

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Eingeordnet unter Erinnerung, Freiberufsleben, Helden, pop/kultur