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Ich war noch niemals in New York (8)

Brooklyn. Vor Reiseantritt war der Name des südlich von Manhattan gelegenen Stadtteils mir immer wieder zugeraunt worden. Einige Male wurde mir ans Herz gelegt, mich direkt in dem upcoming borough einzuquartieren, weil dort derzeit viel Aufregenderes passieren würde als im gediegenen und etablierten Manhattan. Noch dazu sei Brooklyn im Vergleich bedeutend günstiger: das Übernachten, das Essen gehen, die Musik-Clubs, alles. Manchmal war allerdings auch von „zugigen Ecken“, Raubüberfällen in unbeleuchteten Straßen und schlechten Verkehrs-Verbindungen die Rede gewesen. Als ich in der U-Bahn sitze, die mich in weniger als einer halben Stunde hinbringt, bin ich gespannt. Orte des Umbruchs faszinieren mich. Und tatsächlich: Es ist zwar nur ein kleiner Teil, den ich an einem halben Tag von Brooklyn mitbekomme. Aber der macht Lust auf mehr. Vielleicht nehme ich mir beim nächsten New York Besuch tatsächlich direkt dort ein Zimmer. Lange halte ich mich an der Uferpromenade von Brooklyn Heights auf. Es gibt viel zu beobachten. Vom roughen Videodreh bis zur Großhochzeit. Der Blick auf Manhattan ist großartig. Genau wie der hausgemachte Coconut Cake im nahe gelegenen Café „One Girl Cookies„.

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Zurück nach Manhattan spaziere ich über die Brooklyn Bridge. Der ultimative Postkarten-Kick. Dann laufe ich einfach weiter. Ich habe nicht das Bedürfnis, mich auszuruhen oder zur Abwechselung mal ein Museum zu besuchen. Die Stadt ist mein Museum. Ein riesiges Freilichtmuseum von dem ich einfach nicht genug bekommen kann. Das Staunen treibt mich weiter und weiter, durch die Straßen, in die U-Bahn und wieder hinaus, einen anderen Teil der Stadt zu erkunden. Chelsea habe ich noch auf der Liste – und dort: die High Line. Eine ehemalige Hochbahntrasse, die einst dem Güterverkehr diente, dann lange Zeit ungenutzt blieb und nach und nach abgerissen wurde. Ein 2,3 Kilometer langes Teilstück blieb bestehen und wurde seit 2006 zu einer grünen Oase umgestaltet. Es ist ein moderner Park auf Stelzen. Spektakulär. Aufgrund der mittigen Höhe werden dem Spaziergänger ungewöhnliche Blicke eröffnet. Die Grünanlagen sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Es gibt viele Bänke und Sonnenliegen aus Holz. Ich gehe die komplette High Line entlang, bin zunehmend begeistert. In Dachgärten stellen Künstler ihre Werke aus. Es ist schlichtweg überwältigend.

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Eine beeindruckende Fotostrecke hat das Magazin Abenteuer und Reisen HIER veröffentlicht.

Nach dem Höhenspaziergang muss es dann doch noch „Sex and the City“ sein. Am südlichen Ende der High Line befinde ich mich in unmittelbarer Nähe zur Perry Street. Die enge von Laubbäumen gesäumte Straße zwischen West 4th Street and Bleecker Street im beliebten West Village hat spezielle Berühmtheit erlangt. Im Haus Nummer 64 befindet sich Carrie Bradshaws Appartment – der original Drehort, Carries Haus, der Treppenaufgang, den sie in fast jeder Folge einmal hinauf- oder hinabstöckelt, ein sogenanntes „Brownhouse Townhouse“. Irgendwie ist es peinlich, dazustehen und ein Haus anzustarren, das ein Filmset war, im Alltag jedoch ein ganz normales Wohnhaus sein sollte. Ein „Betreten verboten“-Schild versperrt den Weg zum Eingang, damit Serienfans sich nicht à la Carrie auf die Stufen setzen. Daneben hängt ein weiteres Schild, das um Rücksicht auf die Bewohner bittet. Ich stelle mich auf die gegenüberliegende Straßenseite, rufe mir die Filmbilder ins Gedächtnis. Hastig schieße ich ein Foto als die nächsten Fans kommen und gehe weiter.

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Auf dem Weg nach Hause in die 108 Street West muss ich am Columbus Circle (59 Street) umsteigen. Wie üblich irre ich eine Weile herum bis ich die richtige U-Bahn-Linie finde. Das New Yorker Verbindungsnetz ist übersichtlich, doch die Stationen und deren Beschilderungen sind es nicht. Endlich am richtigen Bahnsteig angelangt, treffe ich, wie so oft, auf Musiker.  Mit leeren Farbeimern erzeugen sie einen psychedelischen House-Klangteppich. Ich mag den Sound. Den grasgrünen  „I (Herz) New York“-Partnerlook mag ich genauso. Mein Zug kommt, doch ich höre weiter zu. Die Geräusche der U-Bahnen, die den Schacht hinein- und hinausrauschen, verschmelzen mit der Komposition. Und da ergreift es mich wieder, wie bereits etliche Male an diesem Tag: Dieses Herz, Seele und Körper erfüllende Glücksgefühl, das die Stadt immer und immer wieder in mir erzeugt. I (Herz) New York. I really do!

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Ich war noch niemals in New York (5)

Am südöstlichen Ausgang des Central Parks liegt die Grand Army Plaza. Der Platz interessiert mich. Es ist ein Ort mit Symbolkraft, zumindest für „Sex and the City“-Fans. In der Serie begegnet Carrie genau hier zum ersten Mal ihrem „Mr. Big“. Sie rempeln zusammen, der Inhalt von Carries Handtasche verteilt sich über dem Boden, der Rest ist TV-Geschichte. An diesem bedeutsamen Schauplatz stehe ich nun, doch ein Aha-Effekt stellt sich nicht ein. Ohne das theoretische Wissen wäre mir der Platz vermutlich nicht einmal besonders ins Auge gefallen. Er wirkt recht unspektakulär, ebenso wie der Brunnen vor dem sich die Szene ereignet. Am Grand Army Plaza starten regelmäßig „Sex and the City“-Busrundfahrten. Ich hatte mich ausführlich darüber informiert und eine Tour in Erwägung gezogen. Dass ich im Laufe meines Aufenthalts nicht in einen solchen Bus einsteigen würde, entscheidet sich wohl unbewusst in diesem Moment. Bevor ich die 5th Avenue betrete, hinein ins pulsierenden New York.

5th Avenue Gewimmel. Foto: Brian Dubé, www.NewYorkDailyPhoto.com

Feuerwehreinsatz ohne erkennbaren Notfall.

Während die 5th Avenue in dem am Central Park entlang führenden Teil die großen Museen beherbergt, so sind es unterhalb des Parks die großen Geschäfte. Luxustempel wie Tiffanys, Armani, Gucci und Chanel neben Filialen jener Trend-Marken, die überall auf der Welt identische Waren anbieten. Dazwischen auch einige Souvenirläden und sogar Billiggeschäfte. Insgesamt ein riesiges Gewimmel. Reizüberflutung pur. Ich flüchte mich in den „Trump Tower“, ohne zu wissen, was sich hinter der dunkel verspiegelten Fassade verbirgt. In riesigen Lettern prangt der Name über der goldumrahmten Eingangspforte. Im Inneren setzt sich die protzige Geschmacklosigkeit fort: Brauner Marmor, goldene Geländer, goldene Rolltreppen, künstliche Pflanzen, künstlicher Wasserfall. Hässlich und faszinierend zugleich. Und für eine Besinnungspause mit Starbucks-Kaffee bei schummriger Beleuchtung allemal zu empfehlen.

Lieber Pomp à la Trump als Schlange stehen für überbewertete Mode.

Wieder auf der 5th Avenue. Das ist das New Yorker Tempo, von dem so oft die Rede ist, vor dem jeder Respekt hat. Da gilt es präzise einen Fuß vor den andern zu setzen, keine unmotivierten Schlenker zu machen und auf keinen Fall stehen zu bleiben. Das Tempo, die Geräuschkulisse, der schreienden Fassaden – das alles wird mir schnell zu viel. Shopping interessiert mich nicht. Ich möchte meine Zeit keinesfalls zwischen Kleiderständern und Schuhkartons verbringen. Deshalb biege ich irgendwann links ab, erreiche die parallel verlaufende Madison Avenue, bummele ein Stück entlang. Die Madison Avenue ist heute noch der Inbegriff für Amerikas Werbeindustrie, auch wenn viele der großen Agenturen inzwischen weggezogen sind. Aus dem Straßennamen leitet sich die Bezeichnung „Mad Men“ für Werbeschaffende ab. Würde mir einen Block weiter Don Draper, der Titelheld der gleichnamigen Fernsehserie entgegenkommen, es würde mich nach der Begegnung mit Udo Jürgens nicht mehr wundern.

1861 siedelten sich die ersten Werbeagenturen an der Madison Avenue an. Die Serie „Mad Men“ spielt in den 1960er-Jahren.

Kreuz und quer verläuft mein Weg. Während das Sich-Treiben-Lassen im Park glücksbringend war, fühle ich mich in der Hochhausschlucht ohne Plan völlig verloren. Schließlich fasse ich den Entschluss, das Museum for Modern Art anzusteuern. Lust auf einen Museumsbesuch habe ich zwar nicht, aber ich weiß, dass freitagnachmittags ab 16 Uhr kein Eintritt verlangt wird. Bei 25 Dollar regulärem Preis ist das ein schlagendes Argument. Die Schlange ist lang, aber es geht zügig voran und die Besuchermassen verteilen sich auf den sechs Etagen besser als erwartet. Ich konzentriere mich auf die Sektion „Zeitgenössische Galerien (1980 bis heute)“ und treffe dort auf allerhand Kunst aus Deutschland, die ich in dem Umfang nicht erwartet hätte. Besonders freue ich mich über die Begegnung mit Werken von Martin Kippenberger. Martin and me at the Moma. Das bringt mich dazu, etwas zu tun, das ich eigentlich gar nicht mag: Ich bitte einen Fremden, ein Foto von mir zu machen – neben der Skulptur des 1953 geborenen und 1997 viel zu jung verstorbenen Kölner Künstlers. Auf Englisch spreche ich einen jungen Mann an. Er antwortet auf Deutsch. Peinlich berührt grinse ich neben der Skulptur „Martin, Into the Corner, You should be Ashamed of Yourself“ von 1992 in die Linse meiner eigenen Kamera. Wie passend! Anschließend nehme ich mir in Etage 3 die Sektion „Fotografie“ vor, gefolgt von der Sonderausstellung, die sich mit der von mir geschätzten Cindy Sherman beschäftigt. Großartig, alles, aber noch mehr kann ich beim besten Willen nicht aufnehmen.

Im Erdgeschoss drängeln sich die Besucher, die alten Meister sind begehrt, doch bei der Zeitgenössischen Kunst hält sich der Anstrum noch in Grenzen.  Foto: Anthony Starks/flickr cc

Es fängt an zu dämmern als ich das Museum verlasse. Die 6th Avenue, besser bekannt als Avenue of the Americas, ein paar Block hinunter, erreiche ich den Bryant Park. Er wurde mir von einem Freund ans Herz gelegt: „Hier kannst du Ruhe finden, einen Kaffee trinken, das Treiben beobachten und die Geräuschkulisse belauschen.“  Und wirklich: Der kleine Bryant Park ist eine echte Oase inmitten von Hochhäusern mit Blick auf das Crysler und Empire State Building. Er liegt direkt hinter der Public Libary. Rundherum haben sich zahlreiche Hotels angesiedelt. Am Rand der Wiese sind kleine Sitzgruppen verteilt. Einfache Klappstühle mit runden Tischen aus grünem Metall als Einladung an die Besucher. Ich lasse mich nieder. Und lausche der Stadt. Aber nicht lange. Denn dann gesellt sich ein älterer Mann zu mir. Ich schätze ihn auf Ende Sechzig. Seine Kleidung ist schlicht, aber gepflegt. Ein dünner Bart zieht seine Oberlippe. Er beginnt ein Gespräch, fragt, woher ich komme. Ich gehe zögerlich darauf ein. Ehe ich mich versehe, bin ich mittendrin in der Geschichte seines Lebens. Ich verstehe nur einen Bruchteil der in rasendem Tempo vorgetragenen Anekdoten und bevor ich etwas sagen kann, verabschiedet er sich. Es dauert einige Minuten, bis ich auf die Idee komme, nachzusehen, ob mein Portemonnai noch da ist. Als ich es nicht sofort entdecke, wird mir heiß und kalt. Nach kurzem Wühlen jedoch erweist sich der Verdacht als falsch. Der Mann wollte mir nichts wegnehmen, im Gegenteil: Er wollte etwas loswerden.

Oase der Ruhe im quirligen Midtown: der Bryant Park.

Inzwischen ist es dunkel. Ich laufe die am Bryant Park angrenzende 42nd Street in Richtung Grand Central Station. Der erwartete Überschwang beim Anblick der Marmortreppe im Bahnhofsinneren, die in Filmen so oft und gerne in Szene gesetzt wurde, bleibt aus. Es ist derselbe Effekt wie bereits einige Stunden zuvor am „Sex and the City“-Brunnen. Das Ganze wirkt viel unspektakulärer als gedacht. Schön ist das Gebäude zweifellos, aber eben nicht so wie im Film. Oder liegt es an mir? Mein Aufnahmekapazität ist hart an der Grenze angelangt. So viele Eindrück an einem einzigen Tag! Im Apple Store logge ich mich kurz ins Internet ein. Ich möchte mit Dirk in Kontakt treten. Er lebt als Fotograf in New York. Ich kenne ihn bislang nur virtuell, aber das soll sich jetzt ändern. Dirk ist gerade online und eine Verabredung für den nächsten Tag schnell getroffen. Auf dem Heimweg noch ein kurze Abstecher an den Times Square, weil ich dort ohnehin umsteigen muss, sorgt für wenig Begeisterung. Ich will jetzt nur noch eines: nach Hause ins Upper West End. Und genau da passiert es: anstelle eines „Local Trains“ erwische ich einen „Express“, der nur an jeder 5. Station anhält. Ehe ich es realisiere, bin ich zu weit gefahren, muss umsteigen und etliche Stationen zurück, diesmal mit einem Zug, der überall anhält. Als ich an diesem Abend Simones Wohnung betrete, falle ich sofort ins Bett.

Die Grand Central Station wirkt zwischen den Wolkenkratzern wie ein Schmuckkästchen, das aus Versehen stehen gelassen wurde. Im Inneren funkeln von der hohen Gewölbedecke nachts künstliche Sterne. Am Times Square leuchtet die Reklame Tag und Nacht.

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