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Ich war noch niemals in New York (7)

Mit Dirk plaudernd die Straße entlang zu spazieren, fühlt sich gut an. Neben ihm werde ich zu einem Teil der Stadt. Der Washington Square Park liegt bereits einige Blocks hinter uns. Wir verlassen den Broadway. Im Vorbeigehen lese ich Straßenschilder: Broome Street, Mott Street, Mulberry Street… – ich habe das Gefühl, die Namen alle schon gehört zu haben. Manchmal bleibt meine Aufmerksamkeit an Details hängen: eine rote Eingangstür, ein schrill dekoriertes Schaufenster, ein handbemaltes Restaurantschild – und der Impuls, ein Foto machen zu wollen stellt sich ein. Doch gebe ich ihm nicht nach. Zu kostbar ist der Moment. Anhalten, die Konzentration auf die Kamera und das Motiv lenken, würden das Gefühl, eins zu sein mit den Menschen und dem Rhythmus der Stadt empfindlich stören. Ich genieße es, mich erstmals nicht als außen stehender Beobachter zu fühlen.

Immer weiter Richtung Süden geht es. Während Soho, Greenwich Village und East Village schwer voneinander zu unterscheiden sind, ist Little Italy aufgrund der hohen Trattoria-Dichte eindeutig zu identifizieren. Nichts jedoch gegen Chinatown. Hier betritt man eine ganz eigene Welt. Es ist fast so, als wechele man nicht nur einen Block sondern als betrete man einen anderen Kontinent. Chinesische Schriftzeichen überall. Je tiefer man in das Viertel hineintaucht, je mehr werden es. Irgendwann weisen nicht einmal mehr die Schilder vor den Supermärkten ihre Angebot in englischer Sprache aus. Chinesen bevölkern die Straßen. Man fühlt sich fremd. Es ist ein riesiges Gewimmel auf engstem Raum. Als wir bald den Financial District erreichen, bin ich erstaunt. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so schnell dort sein würden. Die Entfernungen innerhalb Manhattans sind bei weitem nicht so gigantisch, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Zwischen Italien und China liegt nur eine einzige Straße… Da ich selbst nicht fotografiert habe, ist dieses Bild entliehen.  Foto: Tyso/wikipedia

Man fühlt sich seltsam in der fremden Welt mitten in Downtown New York. Foto: chensiyuan/wikipedia

New York Stock Exchange Foto: Anke Steinfadt

New York Stock Exchange. Hier rollt der Rubel der Wall Street.

An der Staten Island Ferry am südlichsten Zipfel Manhattens heißt es dann Abschiednehmen von Dirk. Ich möchte mit der kostenlosen Fähre hinüber nach New Jersey fahren, an der Freiheitsstatue vorbei. Ein Tipp aus dem Low-Budget-Reisführer. Dirk hat noch etwas Berufliches zu erledigen. „Wenn du möchtest, können wir uns an einem anderen Tag noch einmal treffen“, sagt er. Ich nicke. Sein Angebot freut mich sehr. Eine feste Verabredung treffen wir noch nicht. SMS von meinem deutschen zu seinem amerikanischen Mobiltelefon funktioniert einwandfrei. Ich reihe mich in die Schlange der An-Bord-Gehenden. Die Überfahrt dauert ungefähr zwanzig Minuten. Und dabei komme ich ihr nahe: der berühmten Freiheitsstatue. Nicht ganz so nahe wie von einem Wassertaxi oder einem Rundfahrschiff aus, dafür jedoch ist das Erlebnis gratis. In New Jersey angekommen, nehme ich direkt die nächste Fähre zurück. Während auf dem Hinweg das Schiff mit Berufspendlern überfüllt war, ist es nun so gut wie leer. Ich sitze am Fenster, werfe einen erneuten Blick auf die Statue und die immer näher kommende Südspitze Manhattans und bin wieder einmal, wie so oft schon in New York, sehr sehr glücklich.

Zurück in Manhattan, verwerfe ich das Vorhaben, Ground Zero zu besuchen. Das Gelände begehen, die Geschichte Revue passieren lassen, die Gedenktafeln an der „Wand der Helden“ studieren – ich spüre, dass mir das an diesem Tag, an dem ich schon so lange auf den Beinen bin,  zu viel würde. Der neue Turm ragt bereits weit in den Himmel. Die Bauarbeiten sind schon sehr weit gediehen. Bald ist das One World Trade Center (1 WTC) fertig. Es wird das höchste Gebäude der Vereinigten Staaten sein. Den Kopf in den Nacken gelegt stehe ich da und wundere mich, dass sich die Bilder des 11. September in diesem Moment nicht ganz automatisch in mein Bewußtsein drängen. Ich sehe einfach nur staunend den fast fertigen Turm an. Leibhaftig an diesem Ort zu sein, hatte ich mir bedrückend vorgestellt. Nun bin ich schlicht überwältigt vom Neuen.

One World Trade Center (1 WTC) Ende April 2012 vor herrlichem Himmel. Foto: Laura Thieme (eine meiner New Yorker Flatmates. Danke!)

Um mich herum wimmelt es von Touristen. Mehrere Busse entlassen gleichzeitig Reisegruppen ins Freie. Und ich spüre meine Erschöpfung. Schmerzenden Fußes begebe ich mich auf die Suche nach einer Subway-Station. Planlos laufe ich herum, in der Hoffnung der Zufall möge mir den Weg weisen. Es dauert ewig, bis ich einen Eingang finde. Gut möglich, dass ich an mehreren bereits vorbei gelaufen bin. Die Abgänge zu den Subway-Stationen sind in New York häufig nicht besonders auffällig. In die nächstbeste Bahn, die in Richtung Norden fährt, steige ich ein. Es gibt auf der Strecke eine Haltestelle „110th Street“, nicht weit von der 107th Street, in der ich wohne. Zwar auf der East Side statt auf der West Side, aber das ist mir in diesem Moment egal. So weit kann es ja von dort nicht sein, denke ich. Einmal die Breite des Central Parks nach Hause zu laufen, ist besser als noch einmal kompliziert umsteigen zu müssen. Ein Irrglaube wie sich bald herausstellen wird.

Irgendwo in New York auf der Suche nach der Subway.

Dass es doch einen erheblichen Unterschied macht, anstelle der 108th Street West an der 110th Street East auszusteigen, erfahre ich vor Ort. Als ich aus der Subway auf die Straße schwappe, beschleicht mich sofort ein mulmiges Gefühl. Nicht, dass mich Straßengangs erwartet hätten, die um eine brennende Mülltonne herumstehen. Das nicht. Aber die Passanten in dem Viertel rufen meine Instinkte zu höchster Wachsamkeit. Ich krame meine Mütze aus der Tasche, ziehe sie so tief wie möglich ins Gesicht, verberge es so gut es geht und richte meinen Blick stur auf den Bordstein vor mir. Ich laufe entschlossen in die Richtung von der ich hoffe, dass es Westen sei. Den Stadtplan herauszuholen, kommt nicht in Frage. Ich will mich hier auf keinen Fall als Touristin zu erkennen geben. Fest setze ich einen Fuß vor den anderen. Die Straße ist jetzt menschenleer. Und dann muss ich auch noch durch eine Unterführung! Mein Herz kopft bis zum Hals. Ich trete noch fester auf, mache mich so schwer es geht.

Als ich den kurzen Tunnel schließlich durchschritten habe, wirkt plötzlich alles heller. Es ist, wie schon im Wechsel von Little Italy zu Chinatown: an der Grenze zwischen zwei Blocks ändert sich die Atmosphäre schlagartig. Ich atme auf und ziehe die Mütze vom Kopf. Bald darauf sehe ich den Central Park. Nur noch den passieren, dann bin ich zu Hause.

Von der [M] Haltestelle 110th Street/Lexington Ave westlich des Central Parks quer hinüber auf die Eastside mit der Mütze tief im Gesicht. Beim nächsten Mal würde ich doch lieber noch einmal umsteigen.

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